München als Frei-Raum. Stefan George in Bayern
So ganz scheint es ja nicht zu passen. Da ist der über allem stehende, das Volk und sein Treiben mißbilligende George, Künder des Neuen Reichs. Der angebetete und gefürchtete Meister, poeta vates, der Seher-Dichter. Und dann ist da München, genauer gesagt, das Prinzregenten-München. Die launige, laute, bohèmehafte Stadt, die alle anzieht, die in der Heimat nicht so recht akzeptiert wurden oder sich nicht einfügen wollten. Die Stadt, die leuchtet, irrlichtert, schunkelt und schludert, der man eine “sinnlich-dekorative und karnevalistische Kunstgesinnung” und eine “töricht harmlose Lebensstimmung” (Thomas Mann, Doktor Faustus, Frankfurt/M. 1967, S. 272) nachsagt.
Auf den ersten Blick scheinen der Dichter Stefan George und das München um 1900 nicht unbedingt zueinander passen zu wollen.
Und doch hat George von 1901 bis 1919 regelmäßig jeweils zu Jahresbeginn einige Monate in München verbracht. Und zwar nicht irgendwo in München, sondern im “Auge des Orkans”, im Künstlerdorf Schwabing, das erst 1890 in die Stadt München eingemeindet worden war und immer etwas Besonderes oder, wie Franziska zu Reventlow es nannte, “Enormes” hatte.
George, der zeitlebens keine eigene Wohnung besaß, sondern itinerant blieb, war bei seinen München-Aufenthalten Hausgast von Karl und Hanna Wolfskehl. Karl Wolfskehl, durch eine Erbschaft wirtschaftlich unabhängig und eine Art Universalgelehrter, war einer der schillerndsten Gestalten in Schwabing. Wichtiger aber war seine Rolle als Impresario. Der Wolfskehlsche “Jour” hatte eine wichtige Rolle als, wie man heute sagen würde, “Networking-Event”. Jüngere Künstler konnten wichtigen Einflußnehmern vorgestellt werden, Musikdarbietungen wurden von bedeutenden Journalisten rezensiert, erste Manuskripte wurden durch Empfehlungen zu Publikationen.
Um diesen Salon an der Spitze der Künstler-Gesellschaft zu erhalten, waren natürlich “Ereignisse” und “Persönlichkeiten” vonnöten. Und wer war hier besser geeignet, als der mythenumwobene Stefan George, von dem viele zwar vieles gehört hatten, den aber nur wenige je zu Gesicht bekommen hatten. Am 3. Februar 1901, an einem Sonntag, wurde etwa Ricarda Huch zu dem von der übrigen Gesellschaft abgeschirmten George geführt und ihm präsentiert. Eine besondere Auszeichnung, die sie allerdings nicht recht schätzte – sie fand George abstoßend hässlich und fand, er sähe aus wie ein giftiger Pilz. (Ricarda Huch, Erinnerungen an das eigene Leben, Köln 1980, S.387).
Auf Facebook mitteilen

Da bekommt man akute Leselust und Lust auf eine Reise nach Bayern
!
Das Blog gefällt mir auch generell sehr gut!
LG