8. Erlanger Übersetzerwerkstatt: Gedichte von Lea Goldberg

Lea Goldberg, 1936, aus: Rübner, Tuvia (1980): Lea Goldberg Monografja, Tel Aviv: Sifrijat Poalim (Monografijot jotsrim ivrim bizmaneinu), S. 98
Lea Goldberg ist 1911 in Königsberg geboren und in Litauen aufgewachsen – mit einer kurzen Unterbrechung in Saratow, Russland während des Ersten Weltkriegs –, wo sie das hebräische Gymnasium in Kaunas besucht. Sie studiert in Kaunas, Berlin und Bonn vor allem Semitistik; in Bonn wird sie 1933, zweiundzwanzigjährig, mit einer Arbeit über das „Samaritanische Pentateuchtargum“ bei Paul Kahle promoviert. 1935 emigriert sie ins damalige Mandatsgebiet Palästina.
Nachdem sie im Alter von fünf Jahren ihr erstes Gedicht noch in ihrer Muttersprache Russisch geschrieben hat, trifft sie später eine Lebensentscheidung: ausschließlich auf Hebräisch zu schreiben. Im Alter von sechzehn Jahren veröffentlicht sie erste hebräische Gedichte, bereits mit zehn Jahren führt sie ihr Tagebuch hebräisch. Lea Goldberg ist eine literarische Kosmopolitin; ihr Briefroman Briefe von einer imaginären Reise (1937, Tel Aviv, dt. von Lydia Böhmer 2003) – ein literarisches Adieu auch an Europa – ist ein Archiv von Namen wichtiger Dichter und Künstler und bezeugt eine Dichterin, die in der Literatur der Welt zu Hause ist. Leas literarische Landkarte hat solche Namen wie Shakespeare, Byron, Wilde, Villon, Verlaine, Maeterlinck, Petrarca, Ibsen, Goethe, Hoffmann, Rilke, Hauptmann, Multatuli, Tolstoi, Tschechov und Laotse, um nur einige zu nennen. Allein ihr lyrisches Werk umfasst rund 750 Gedichte und 250 Gedichte für Kinder. Als Übersetzerin hat sie u.a. Tolstois Krieg und Frieden, Erzählungen Tschechovs, Drostes Judenbuche, Ibsens Peer Gynt, Shakespeares’ Wie es Euch gefällt, Molières Die Schule der Frauen, Gedichte Petrarcas, die altfranzösische Geschichte von Aucassin und Nicolette und insgesamt russische, deutsche, englische, französische und italienische Lyrik übersetzt.
In Palästina arbeitet sie zunächst u.a. als literarische Kritikerin für verschiedene hebräische Zeitschriften, als Beraterin für das Nationaltheater Habima und als Herausgeberin der Kinderbücher bei Sifriat Poalim. 1954 wird sie an die Hebräische Universität in Jerusalem auf den Lehrstuhl für Allgemeine Literatur berufen und leitet dort ab 1964 bis zu ihrem Tode 1970 die von ihr gegründete Abteilung für Komparatistik.
In hebräischer Sprache und Kultur hat die so eindrucksvoll produktive und vielseitige Dichterin (Nirit Andermann spricht in Haaretz (17.5.11) von einem „literary powerhouse“) und maßgebliche Intellektuelle Israels Kultstatus. In Deutschland dagegen liegt bisher – abgesehen von dem frühen Roman Briefe von einer imaginären Reise – keine Auswahl ihrer Gedichte, Kurzgeschichten oder Romane in Übersetzung vor.[1]
2. Zwei Gedichte in deutscher Übersetzung von Gundula Schiffer („work in progress“)
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Bäume |
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1. Kiefer, 1945 |
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Hier höre ich nicht den Ruf des Kuckucks. |
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Hier trägt der Baum keinen Turban aus Schnee, |
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aber im Schatten dieser Kiefern, |
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lebt meine ganze Kindheit wieder auf. |
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Das Klirren der Nadeln: es war einmal – – – |
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Heimat nenne ich die Weite des Schnees, |
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grünliches Eis, das den Strom in Fesseln legt, |
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die Sprache des Gedichts in fremdem Land. |
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Vielleicht kennen das nur die Zugvögel – |
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die so zwischen Erde und Himmel schweben – |
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diesen einen Schmerz von zweifacher Heimat. |
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Mit euch wurde ich zweimal gepflanzt, |
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mit euch bin ich aufgewachsen, Kiefern, |
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und wurzele in zweierlei Gegend. |
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אִילָנוֹת |
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א. אֹרֶן |
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כָּאן לֹא אֶשְׁמַע אֶת קוֹל הַקּוּקִיָּה. |
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כָּאן לֹא יַחְבֹּש הָעֵץ מִצְנֶפֶת שֶׁלֶג, |
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אֲבָל בְּצֵל הָאֳרָנִים הָאֵלֶּה, |
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כָּל יַלְדוּתִי שֶׁקָּמָה לִתְחִיָּה |
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צִלְצוּל הַמְּחָטִים: הָיוֹ הָיָה – – – |
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אֶקְרָא מוֹלֶדֶת לְמֶרְחַב־הַשֶּׁלֶג, |
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לְקֶרַח יְרַקְרֲק כּוֹבֵל־הַפֶּלֶג, |
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לִלְשׁוֹן הַשִּׁיר בְּאֶרֶץ נָכְרִיָּה. |
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אוּלַי רַק צִפֳּרֵי־מַסָּע יוֹדְעוֹת – |
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כְּשֶׁהֵן תְּלוּיוֹת בֵּין אֶרֶץ וְשָׁמַיִם – |
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אֶת זֶה הַכְּאֵב שֶׁל שְׁתֵּי הַמּוֹלָדוֹת. |
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אִתְּכֶם אֲנִי נִשְׁתַּלְתִּי פַּעֲמַיִם, |
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אִתְּכֶם אֲנִי צָמַחְתִּי, אֳרָנִים, |
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וְשָׁרָשַׁי בִּשְׁנֵי נוֹפִים שׁוֹנִים. |
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Die Liebe der Teresa di Mon, 1955 |
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9 |
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Aus meinem wie aus deinem Fenster |
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sieht man einen Garten, eine Landschaft, |
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und einen ganzen Tag lang darf ich |
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die Dinge lieben, über die dein Auge strich. |
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Vor deinem wie vor meinem Fenster |
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sang nachts ein und dieselbe Nachtigall, |
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und als dein Herz im Traum erbebte, |
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erwachte und lauschte ihm auch ich. |
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Die greise Kiefer, an der jede Nadel |
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deinen Blick trägt wie Tropfen reinen Taus, |
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wird mich am Morgen mit Segen empfangen – |
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Viele Dinge liebten wir gemeinsam sehr, |
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doch fiel in deine Luke nicht das Licht, |
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als meine Einsamkeit die deine berührte. |
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אַהֲבָתָהּ שֵׁל תֶּרֶזָה דִי מוֹן |
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ט |
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מֵחַלּוֹנִי וְגַם מֵחַלּוֹנְךָ |
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אוֹתוֹ הַגַּן נִשְׁקָף,אוֹתוֹ הַנּוֹף, |
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וְיוֹם תָּמִים מֻתָּר לִי לֶאֱהֹב |
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אֶת הַדְּבָרִים אֲשֶׁר לִטְּפָה עֵינְךָ. |
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מוּל חַלּוֹנְךָ וְגַם מוּל חַלּוֹנִי |
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בַלַּיְלָה שָׁר אוֹתוֹ זָמִיר עַצְמוֹ, |
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וְעֵת יַרְטִיט לִבְּךָ בַּחֲלוֹמוֹ |
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אֵעוֹר וְאַאֲזִין לוֹ גַם אֲנִי. |
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הָאֹרֶן הַזָּקֵן,שֶׁבּוֹ כָּל מַחַט |
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אֶת מַבָּטְךָ נוֹשֵׂאת כְּטל טָהוֹר, |
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עִם בֹּקֶר יְקַדְּמֵני בִּבְרָכָה ‒ |
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דְּבָרִים רַבִּים מְאֹד אָהַבְנוּ יַחַד, |
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אַךְ לֹא זָרַח בְּאֶשְנַבְּךָ הָאוֹר |
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עֵת בְּדִידוּתִי נָגְעָה בִּבְדִידוּתְךָ. |
3. Kiefer in deutscher Übersetzung von Tuvia Rübner, 2009[2]
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Föhre |
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Hier hör ich nicht den Kuckuck rufen. |
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Hier tragen Bäume keinen Hut aus Schnee, |
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im Schatten aber dieser Föhren |
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wacht meine ganze Kindheit in mir auf. |
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Die Nadeln läuten leis: Es war einmal ‒ |
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und Heimat nenne ich den weiten Schnee, |
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das Eis, das grün den Bach gefesselt hält, |
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die Sprache des Gedichts in fremdem Land. |
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Zugvögel, sie allein kennen vielleicht ‒ |
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so zwischen Erde und dem Himmel hin ‒ |
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den Schmerz von dem, der doppelt Heimat hat. |
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Zweimalig wurde ich mit euch gepflanzt |
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und mit euch, Föhren, wuchs ich auf |
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und meine Wurzeln treiben hier und dort. |
[1] Vgl. u.a. den Artikel zu Lea Goldberg in der Encyclopaedia Judaica (1971, Ezra Spicehandler); Tuvia Rübners (1999) Aufsatz „‚Mit dieser Nacht und all ihrem Schweigen’. Lea Goldberg (1911-1970)“, in ‚Manche Worte strahlen’. Deutsch-jüdische Dichterinnen des 20. Jahrhunderts, hg. von Norbert Oellers, Erkelenz, Altius Verlag, S. 83-109 sowie Yfaat Weiss (2010) Lea Goldberg. Lehrjahre in Deutschland 1930-1933, Göttingen: Vandenhoeck&Ruprecht (= toldot, Essays zur jüdischen Geschichte und Kultur, Bd. 9).
[2] Vgl. Rübner 1999, S. 89f.
8. Erlanger Übersetzerwerkstatt beim Erlanger Poetenfest, 26.8.11 – Gundula Schiffer: Lea Goldberg – Gedichte
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