„Antwittern“ und Totlachen

25. Januar 2011
Von Katrin Schuster
Kategorie Unterm Strich

Die neue Website des Literaturarchivs Sulzbach-Rosenberg. Man beachte, wie behutsam und dezidiert die Antwitter- und Community-Knöpfchen am unteren Rand eingefügt wurden.

Nun ist dieses Dings, dieses World Wide Web, schon seit fast zwanzig Jahren in beziehungsweise auf der Welt – und sorgt dennoch weiterhin für jenes Jammern und jenes Schaudern, die good old Aristoteles einst als läuternde Effekte der Tragödie verzeichnete.

Die Süddeutsche Zeitung etwa war in der vergangenen Woche einem Erlanger Nachwuchs-Rap-Reimer („2010, ich hab´ alles gef*** und deine Mutter zu Jürgen Drews nach Malle geschickt“), der nicht zufällig denselben Nachnamen wie der bayerische Innenminister trägt, auf der Spur, weil dessen Video „gerade durchs Internet geistert“. Aber keine Angst, liebe Leser, für solch gruselige Hui-Buh-Fälle haben Sie ja uns! Und tatsächlich konnten wir das Gespenst dingfest machen, und zwar auf einem so genannten „Internet-Videoportal“ namens „Youtube“.

Allerdings ist die Süddeutsche Zeitung beileibe nicht die einzige, der angesichts des nicht mehr ganz sooo neuen Mediums Internet die Worte fehlen. Auch das Oberpfalznetz scheint nicht zu wissen, was das für ein modernes Zeugs sein soll, dessen sich das Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg gerade bedient. Darauf lassen jedenfalls Ausrufe- wie Anführungszeichen (und nicht nur die!) in dem Artikel über den „Reformprozess“ der Sulzbach-Rosenberger schließen:

Der Web-Auftritt wurde ebenso behutsam wie dezidiert überarbeitet, die Amberger Grafikdesigner legten dabei auch Wert auf die Einbindung der Homepage in soziale Netzwerke. Das heißt: Ab sofort ist das Literaturarchiv mit eigenem Videokanal bei Youtube vertreten! Man kann sich „antwittern“ lassen oder kann der mittlerweile 290 Köpfe starken Facebook-Community beitreten.

Dass das Oberpfalznetz das Wörtchen „Netz“ im eigenen Namen offensichtlich nicht besonders ernst meint oder nimmt, verwundert mithin kaum mehr; nach den entsprechenden Verlinkungen kann man in der Tat lange suchen. Nehmen wir uns also auch dieses Problems an: Den Youtube-Kanal des Literaturarchivs findet man hier, den Twitter-Kanal hier und die Facebook-Fanpage hier. (Und bei dieser Gelegenheit noch ein Hinweis: Nein, so geht Twitter nicht.)

Wem wir heute außerdem noch weiterhelfen können, das sind die Franken. Die Nürnberger Nachrichten haben unter der Überschrift „Vernachlässigtes Franken: Bereit für einen ‚Tatort‘“ ein Interview mit dem Schriftsteller Fitzgerald Kusz (der schon in der vergangenen Woche hier vertreten war) und dem Regisseur Hans W. Geißendörfer geführt. Auslöser war wohl diese Forderung der fränkischen Landtagsabgeordneten Inge Aures (SPD). Jedoch ist die so neu nun auch wieder nicht: Bereits vor fast acht Jahren verlangte Markus Söder eine „Wiedergutmachung an Franken“, nachdem in einem BR-Tatort der Nürnberger Kommissar Wolfgang Hackl ausgeholfen hatte, der von Thomas Schmauser so hervorragend gespielt wurde, dass dieser Hackl, zugegeben, nicht allzu gut wegkam.

Zwar ziert sich Kusz in dem Gespräch ein wenig, doch Geißendörfer sieht ihn und sich selbst längst als dynamisches „Tatort“-Duo:

Kusz: Ich lese gern Krimis, aber ich schreibe sie nicht. Das ist nicht mein Genre.
Geißendörfer: Das bring ich dir schon bei. Möglicherweise müsste man den Plot gemeinsam machen. Ich hätte da wirklich Spaß dran, aber dann richtig im fränkischen Dialekt, nix anderes. Also wenn Sie das Franken-Fernsehen dazu kriegen, einen fränkischen „Tatort“ zu finanzieren, dann schreiben wir den. Fitz schreibt ihn, ich helf ihm ein bissl, dass er das Genre kapiert. Das ist nicht weiter schwer: Pistole, Schuss, einer fällt tot um…

Dass die Interviewerin diesen Wortwechsel am Ende um den Nebentext „(Kusz lacht sich tot)“ ergänzt hat, darf wohl als Beweis der Eigenwilligkeit des fränkischen Humors geltend gemacht werden. Wie so ein Franken-„Tatort“ auch für den Rest Deutschlands verständlich werden könnte, weiß Geißendörfer zum Glück ebenfalls:

Wir würden uns da schon was einfallen lassen. Es könnte zwei Kommissare geben: So einen alten Wurzelsepp, der nur fränkisch spricht (grinst in Richtung Kusz), und eine junge Kollegin, die kein Wort versteht. Auf die Weise wär der Dialekt schon umschifft, weil er immer wieder übersetzt werden muss …

Nun möchten wir nicht allzu vorlaut sein, aber, äh: Exakt das gab es doch bereits, in dem BR-Frankenkrimi „Freiwild“ nämlich (mit Thomas Schmauer, siehe oben, in der Hauptrolle). Wer jetzt allerdings behaupten wollte, aus Franken käme literarisch nichts Neues, den können wir hier umgehend eines Besseren, ja: des genauen Gegenteils belehren. Wir sagen nur „Wortwerk“:

Endlich! Unsere 3. Wortwerk-Anthologie, erstmals öffentlich vorgestellt zum diesjährigen Poetenfest in Erlangen, ist nun online! Das Projesie-Prosajekt (Videoprojekt für projizierbare Poesie und Prosa) versammelt Beiträge von 9 Autorinnen und Autoren aus den beiden Autorengruppen und Textwerkstätten „Wortwerk“ in Erlangen und Nürnberg.

Das Ganze kann man sich entweder auf dem Wortwerk-Blog oder auf Youtube (dieses Internet-Videoportal, Sie wissen schon) ansehen. Eine Kostprobe? Aber gern:

 

Postskriptum

/// WWW schön und gut, aber die Liebe, die beginnt doch immer noch mit begehrlichen Blicken über den Bücherrand hinweg. Das stellte nicht nur die Westallgäuer Zeitung (runterscrollen!) anlässlich der Gnadenhochzeit (feiert man nach 70 Jahren Ehe) von Ida und Rudolf Gernert fest: Kennengelernt haben sich die beiden „Begnadeten“ in der Gemeindebücherei von Reichenberg; in dem heutigen Liberec in der tschechischen Republik sind beide groß geworden. Sie waren dabei, Bücher auszuleihen. „Als ich die blauen Augen sah, dachte ich, das wär was für mich“, erinnert sich Rudolf Gernert erstaunlich genau an diesen Augenblick. /// Auch Slammer und Antiquar Jaromir Konecny erzählt im ZVAB-Blog von solch einem Augenblick der Liebe, der allerdings über ziemlich fürchterliches Buchzeug hinweg sehen muss. /// Der Briefwechsel zwischen Schnitzler und Wassermann zeigt wie noch nie die Energie, die Schnitzler in seinem jüngeren Kollegen bewunderte. Für einen Menschen wie Schnitzler, der häufig an Depressionen und Konzentrationsschwächen litt, wie viele Tagebuchnotate festhalten („nie ganz dabei sein!“ – „Disziplin des Denkens, des Nachdenkens kommt mir immer mehr abhanden“), war die Euphorie, die Wassermanns Briefe an ihn ausstrahlten, ein Gegenstand grenzenloser Bewunderung. Physische Energie, rigorose Disziplin und vor allem ein „Selbstvertrauen, das nie intermittiert“, prägten Wassermanns Verhalten: „ein Glücklicher“, wie Schnitzler beinahe mit einem Seufzer notierte. Mehr darüber in der NZZ. /// Das Theater in Kempten startet eine Literaturreihe mit Namen Les-Art (Allgäuer Zeitung). /// Sowohl die Nürnberger Zeitung als auch die Nürnberger Nachrichten – ach, heilige Pressevielfalt! – berichten über das Ende von Michl Zirks Erzählbühne. /// Bald beginnt das Brecht-Festival in Augsburg – der Donaukurier verrät erste Details des Programms. /// Von der Verleihung des Hoferichter-Preises an Jan Weiler und Kerstin Specht erzählen die Neue Presse Coburg und der Donaukurier. /// Elisabeth Tworek hat den Nachlass von Jörg Hube übernommen: „Was wir hier bewahren, ist das Bild eines Menschen, und das ergibt sich erst aus all den verschiedenen Hinterlassenschaften“, sagt die Monacensia-Chefin. (Merkur)

Das nächste Ausgabe von Unterm Strich erscheint am 1. Februar.

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Heimat, kein einfaches Wort

Essays von Kerstin Specht, Tomáš Zmeškal, Thomas Klupp, Markéta Pilátová, Nobert Niemann, Josef Moník, Silke Scheuermann und Alena Zemančíková. Vlast oder domov: Heimat oder Zuhause?

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