Frau H. und der biooptische Datenträger
Einer Kiefersfeldenerin drehte Frau H. einen Märchenband im Wert von 6000 Euro an. Innerhalb von zwei Jahren werde das Buch mindestens das Vierfache wert sein, so die Prognose. Ein Ehepaar aus Kolbermoor blätterte nicht nur 6000 Euro für einen vergleichbaren „Bücherschatz“ hin, sondern auch noch 2200 Euro für zehn Faksimile-Bilder aus der russischen Nationalbibliothek – ebenfalls in der Hoffnung, die Werke schon bald wieder gewinnbringend verkaufen zu können. Bei einer Rimstingerin waren es sogar über 15.000 Euro für zwei Meisterwerke. Nach der Vertragsunterzeichnung schaute die sehr seriös wirkende, gebildete und sprachgewandte „Buchanlageberaterin“ immer wieder mal bei ihren Käufern vorbei und zog einen Zettel mit den aktuellen Notierungen der „Kapitalanlagen“ aus der Mappe. „Das Buch, das Sie für 6000 Euro gekauft haben, steht derzeit bei 13.000 Euro“, hieß es dann.
Stand es natürlich nicht, da es gar nicht erst irgendwo notiert worden war. Und die zahlreichen osteuropäischen Interessenten hat es – wie wir mal dreist annehmen – vermutlich ebenfalls nie gegeben, jedenfalls scheiterte noch jeder einzelne Verkauf, den Frau H. angeblich eingefädelt hatte. Das Oberbayerische Volksblatt kennt die Gründe:
Weil „Frau Marek“, die Verbindungsfrau in Prag, nicht greifbar war. Weil es Probleme wegen der Bargeldeinfuhr nach Deutschland gab. Weil die Tochter von H. im Koma lag. Weil H. mit einer Gallenkolik in eine Schweizer Spezialklinik gebracht wurde. Oder weil sie dringend zur Kunstmesse nach München musste.
Und was lernen wir daraus? Einerseits natürlich, dass das Buch offensichtlich nicht das Auslaufmodell ist, als das es viele gerne betrachten, sondern nicht selten ziemlich hoch geschätzt wird. Und andererseits, dass man es als versierte Autorin von Lügenmärchen weit bringen kann. Zumindest eine Weile lang: „Ob die Geschichte ein straf- oder zivilrechtliches Nachspiel hat, ist noch offen“, erklärt das Volksblatt.
Dass die richtige Rhetorik noch jedes vermeintlich überkommene Produkt zum ziemlich freshen und hippen Must-Have bzw. zum „neuen biooptischen Datenträger“ aufmöbeln kann, beweisen ja auch diese Herren aus Spanien:
Und beweist zudem die Tatsache, dass selbst das Gerede übers Digitale kein rein akustisches Phänomen ist, sondern ebenfalls nach Drucklegung begehrt: Im Münchner Hanser Verlag startet mit dem Buch Der Facebook-Effekt von David Kirkpatrick die DLD Edition, die in Kooperation mit der gleichnamigen Branchenkonferenz (ausgeschrieben: Digital, Life, Design) entsteht und laut Börsenblatt-Meldung „innovative Vordenker aus der digitalen Welt präsentieren [will], die sich zu wichtigen Themen in Wirtschaft und Gesellschaft äußern“. Na, wer wollte das nicht?
An dieser Stelle müssen wir wohl kurz unterbrechen, denn bestimmt fragen Sie sich schon: Was ist denn eigentlich aus Maximilian Dorner geworden, der sonst an dieser Stelle immer dienstags durch Bayern reiste? Nun, der „Münchner in Bayern“ hat seine Kolumnen-Serie beendet und widmet sich nun dem schwierigen Unterfangen, sie in Buchform zu bringen. Was allerdings nicht heißt, dass man nichts mehr von ihm hört. Im Gegenteil: Auf Facebook kann man an seiner Lektüre der Bibel teilhaben, die er in Form von Statusmeldungen unters Volk bringt. Das klingt zum Beispiel so:
Überhaupt macht sich ein Nebeneinander breit, da werden einheimische Götter und der Herr gleichzeitig verehrt, dass es ein rechtes Multikulti abgibt. Ende vom Lied: der Herr wendet sich endgültig ab.
Wer mitlesen will, der muss sich bloß mit Maximilian Dorner befreunden. Wer dagegen die umgekehrte Erfahrung machen will, nämlich wie die Literatur in die Kirche kommt, der sollte in den kommenden Monaten an einem Sonntagmorgen in St. Egidien in Nürnberg vorbeischauen: Noch
bis zum 6. März 2011 stehen in St. Egidien in Nürnberg Schriftsteller und Lyriker im Zentrum einer literarischen Gottesdienstreihe. Jeweils sonntags ab 10.30 Uhr (außer am 13.2.) werden sich die Egidier Pfarrerinnen und Pfarrer in den Kapellen der Kirche mit dem Thema „Dichtung und Wahrheit“ beschäftigen. Sie werden zum Beispiel Hilde Domin, Max Frisch oder Kurt Marti zu Wort kommen lassen und die Lebensfragen aufgreifen, die diese Autoren aufgeworfen haben. Einige Autoren wurden auch für Lesungen angefragt. Bereits zugesagt hat der mittelfränkische Mundartautor Helmut Haberkamm; er kommt am 20. Februar in die St. Egidienkirche. (Nürnberger Nachrichten)
Das Buch der Bücher ist, man weiß es, kein bayerisches, sondern eines, das im Anfang zwar viele Sprachen sprach, aber erst mit Luther des Deutschen mächtig wurde. Dass man der Bibel mittlerweile auch den hiesigen Dialekt beigebracht hat (hier das Probekapitel „Wia da Jesus sei’ erst´s Wunder vollbracht hat“), verwundert freilich wenig. In der zeitgenössischen Literatur dagegen scheint der Dialekt weitgehend ausgestorben, wenn nicht gar verpönt. Oder doch nicht? Der Bayerische Rundfunk verkündet in einem schönen Feature (mit dabei auch Carl-Ludwig Reichert und Fitzgerald Kusz) eine leise und zugleich recht laute Wiederkehr. Im Poetry Slam nämlich. Und damit beenden wir das dann auch für heute, auftritt der Regensburger Slammer Daniel Bohrer:
Postscriptum
/// Der Deutschlandfunk sprach mit dem Biografen von Luise Rinser über die von ihr selbst geschönte Biografie. /// Günter Herburger erhält den Lübecker Literaturpreis (Börsenblatt). /// Und Bernhard Jaumann den Deutschen Krimipreis. (ebd.) /// Erst schien er ein wenig übersehen zu werden, doch jetzt wurde der Heimatwestern Das finstere Tal von Thomas Willmann sowohl beim Perlentaucher als auch im Deutschlandfunk besprochen. /// Das Branchen-Portal buch-pr.de hat Armin Kratzert, Kulturredakteur des Bayerischen Fernsehens, porträtiert. /// Die Nürnberger Nachrichten widmeten sich dem Autor Wolfgang Gast und seine Collage-Trilogie über sein Leben. /// Die Stadt München hat Literaturstipendien zu vergeben. /// Und auch die Stadt Nürnberg und das Bayerische Fernsehen suchen Autoren. ///
Die nächste Ausgabe von Unterm Strich erscheint am 25. Januar.
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