Geschenktipp I – Lyrik: Skype connected von Michael Basse
Der Münchner Lyriker (und manchmal auch Prosa-Autor) Michael Basse, so stand in einer Rezension zu lesen, lehne Endreime ab – als „zu harmonisierend, die Gegensätze fälschlich verdeckend“. Jedoch: Schon im zweiten Gedicht von Skype connected findet sich ein unüberhörbarer Endreim. Das ist eine absolute Ausnahme in diesem Band, zugegeben, macht diesen Gleichklang aber nur umso signifikanter. Das Gedicht heißt „Jedem sein totem“, und in dessen letzter Zeile „ich ist ein anderes du“ hallt ein vorheriges doppelt notiertes „Tabu“ wider.
Das Du ist ja ein ähnlich schwieriges Wort wie das Ich: Wenn man miteinander ins Gespräch tritt, sagt man es andauernd. Und doch meint jeder einen je anderen damit. Dieses allererst linguistische Problem ist in der Zeile „ich ist ein anderes du“ unüberhörbar angesprochen: Für mich bin ich Ich, aber für alle anderen bin ich du. Und zugleich bedeutet der Satz „ich ist ein anderes du“ auch: dass es ohne Du kein Ich gibt; dass man Ich nur sagen kann, weil und wenn man Du sagen kann. Eigentlich seltsam, dass sich die literarische Welt so viele Gedanken über das lyrische Ich macht. Und so wenige über das lyrische Du. Michael Basse aber denkt über dieses Du nach.
Die Formel, auf die man – mittels eines ungehörigen Zusammenschnitts zweier Gedichte – das Du von Skype connected bringen könnte, lautet: Dieses Du ist „kein Engel“, sondern „im Grunde ein Fabelwesen“. Ein anderer Vers besagt: „dein augenaufschlag ist der big bang“. Der erste morgendliche Blick des Du auf das Ich ist also der Ursprung der Welt. Ohne dieses wahrnehmende Andere, gäbe es schlicht und einfach kein Ich. Schon gar nicht das Autor-Ich von Skype connected. Deshalb steckt dieses Du gleich im allerersten Gedicht den Rahmen des Ich-Bewusstseins ab: „dem anderen fremden dir“ gelte, heißt es darin, „mein erster mein letzter gedanke“.
Später weitet sich der Blick dann auch explizit auf die anderen – historischen, gesellschaftlichen – Bedingungen des Wirs. Es kommen die Poesie und die Politik ins Spiel. Anwesend sind diese beiden, die Poesie und die Politik, freilich schon vom ersten Wort an. Denn die Verbindung von Ich und Du ist schließlich die Keimzelle des Sozialen – und wer wollte behaupten, dass das nichts mit Politik zu tun hätte?
Von dem intellektuellen Tabu des Privaten ist in Skype connected ganz ausdrücklich die Rede: „Dumm über körperexzesse zu schreiben“, heißt es einmal, denn die gebe es schließlich „in allen kanälen in jedem format“ zu sehen. Wohlgemerkt: Nicht die Körperexzesse sind dumm, sondern das Schreiben darüber, das Publizieren, das Ver-Öffentlichen. Ein Zaumzeug braucht man deshalb gar nicht erst: „unsre körper bleiben tabu“ lautet der letzte Vers des Gedichts „körperexzesse“. Darauf reimt sich also das Du in Skype connected: auf das Tabu des Körpers.
Nun ist dieses Tabu kein unbekanntes. Jedes Gedicht handelt im Grunde auf die eine oder andere Weise davon, dass der Körper als solcher darin nicht vorkommen kann. Dass er immer wieder unter die Kandare der Buchstaben genommen werden muss, um überhaupt zu erscheinen. Der Unterschied ist nur: Michael Basse trauert nicht darum. Vielmehr scheint dies ein Ausgangspunkt seines Schreibens zu sein: Ein Medium ist ein Medium. Nicht mehr, aber vor allem nicht weniger. Daher finden nicht nur andere Dichter Eingang in seine Texte, sondern auch die Umgangssprache und blanke Laute wie „grrr“. Sie erscheinen als „funken schnuppen blitze“ einer immer schon vergangenen Gegenwart, die in den Gedichten formuliert, aber nie vorgetäuscht wird: „so imitieren wir natur/ganz ohne anleihen/kommen auch wir nicht aus“: Der Unterschied wird nicht übertüncht, sondern gewahrt.
Und das darf man durchaus als politische Äußerung verstehen. Denn die Übertüncher werden ja nicht weniger. Im Gegenteil: Wen schert es denn noch, dass die Biologie längst wieder zum Lifestyle avanciert ist? Die Sehnsucht gerade des Digitalen nach der Idylle ist offensichtlich groß – und sie wird gerne bedient von den Medien und der Politik, die uns ein ums andere Mal die Kultur mit der Natur weismachen wollen.
Allerdings trägt der Band just ein so genanntes neues Medium im Titel, den Internettelefoniedienst „Skype“ nämlich. In dem titelgebenden Gedicht „Skype connected“ steckt – sofern man das so dreist behaupten darf – fast alles, was den Band Skype connected auszeichnet: Das erste, grundierende Wort lautet Du, schon in der zweiten Zeile wird es in einem „wir“ aufgehoben. Die Beiden, um die es geht, das Ich und das Du, sind räumlich und also körperlich getrennt, aber akustisch und also im Geiste mit- und beieinander. Ihr Dialog handelt nicht nur von der Gegenwart des Krieges, der Propaganda und der Infamie, sondern analysiert diese Gegenwart auch. In dieser Analyse hallt Michel Foucault wider: „gleichschalten überwachen strafen/lügen was das zeugt hält“. Und später noch einmal: „überwachen & strafen/& lügen was das zeug hält“.
Doch das ist nicht das einzige Echo in diesem Gedicht. Gleich zweimal fällt auch der Satz „unsre Verbindung steht“. „Aber unsre Verbindung steht“. Das ist eines der schönsten, weil vertrauensvollsten, zugleich zeitlosesten und zeithaltigsten Dinge, die man über die Liebe in heutigen Tagen sagen kann: dass sie wegen und trotz allem ein Medium ist, in dem die Gegenwart widerhallt.
Michael Basse: Skype connected. Ein Liebesbrevier. Verlag Ralf Liebe 2010, 70 Seiten, 15 Euro.
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Du und ich ist ja schon ein etwas älteres Thema. Schon in der Bibel findest Du Gedichte, die ich da nie vermute hätte. “Du bist die Rebe und ich der Wein” oder so ähnlich und ich habe in meinem 3Meter Gedicht das DU&ICH gleich als Titel verwendet. Du & Ich ist für mich das normalste, spannendste Gespann im Rahmen unserer Existenz. Denn aus Du & Ich kann WIR werden… und daraus dann wieder ein DU und Ich! Und damit sind wir wieder in der Gegenwart. Immer weniger Ich’s treffen auf immer weniger werdenden Du’s – das muss geändert werden. ‘Aber unsre Verbindug steht’ ist nicht genug, sie muss mit Liebe zum Leben erfüllt werden, sie muß ausgebaut werden. Also Michael Basse, Stehen ist Stillstand und das können Sie doch auch nicht wollen… mit poetischen Grüßen, Peter Rubin Dichter dran