Ein Amerikaner geht in Kur und ein Franke baden. Über Bad Kissingen

5. September 2010
Von Peter Czoik
Kategorie Bayern lesen

Hotel Russischer Hof in Kissingen, Lithographie 1847

Abner Weyman Colgate: Drei Wochen in Kissingen

Nachdem ich meinen Vortrag über meine körperlichen Unannehmlichkeiten beendet hatte, betrachtete mein Londoner Arzt mich ruhig über die Ränder seiner Brille. Mit hängenden Mundwinkeln und einer Haltung, solche Sachverhalte schon oft gehört zu haben, erklärte er die Ursachen meiner Unpässlichkeit und endete damit, ich solle für drei oder vier Wochen nach Kissingen gehen.

Ich kann nicht sagen, dass ich wirklich erfreut war. Hatte ich doch erwartet, auf eine Tour durch die Schweiz oder für einen Monat nach Baden-Baden oder Biarritz geschickt zu werden. Was den Ort Kissingen anging, hatte ich nie von jemandem gehört, der dort hin gefahren wäre und kaum einer wusste wo er überhaupt lag. Ich richtete mein Augenmerk auf eine Karte, denn mir war wohl das salzige Getränk gleichen Namens bekannt, welches in der Drogerie in der Fifth Avenue verkauft wurde – aber tatsächlich in obskures deutsches Kurbad geschickt zu werden, nur daran zu denken bereitete mir Heimweh!

Dieses alles ereignete sich am oder um den 1. Juni 1867. Ein oder zwei Tage später rollten wir aus dem Bahnhof Charing Cross über die Themse, vorbei an den schmuddeligen Dächern der Londoner Häuser, vorbei an den Feldern Kents, hinunter zu den weißen Klippen Dovers. Darauf mit der Fähre über den Kanal und durch eigenartige alte Städte Frankreichs und Belgiens – dem Rhein entlang – vorbei am Drachenfels, Ehrenbreitstein und Bingen – dann Richtung der bayerischen Grenze – bis ich mich an einem kühlen Samstag Nachmittag an einem Platz wieder fand, an dem ich die Eisenbahn verlassen und einen sechsstündigen ‚behutsamen‘ Ritt nach Kissingen unternehmen musste. Es war schon beinahe dunkel, als ich vom Portier des Hotels de Russie empfangen wurde und ging gehorsam in das erste Zimmer, nur besorgt um Ruhe und um alles andere dem nächsten Morgen zu überlassen.

Ein regnerischer Sonntag an einem Ort, an dem du keine Seele kennst und die Sprache nicht sprichst, ist natürlich kein sehr erfreulicher Anfang. Ich war jedoch beruhigt, als ich feststellte, dass hier mehr Menschen waren, als ich zu dieser frühen Saison erwartet hatte. Von einem sehr angenehmen und zuvorkommenden Portier, er sprach Französisch, erfuhr ich, dass das übliche tägliche Programm folgendes war: Morgenpromenade an der Quelle mit Musik, von sechs bis acht; Frühstück von acht bis neun, das Bad folgt an einer beliebigen Stunde des Vormittags; Mittagessen um eins; Promenade mit Musik wieder von sechs bis acht am Abend, gefolgt vom Abendessen und ins Bett um zehn. Er sagte, es gäbe hier zur Zeit nur einige Engländer und er wüsste nicht von Amerikanern. Der Hauptteil der Besucher waren Deutsche und Russen – und nur wenige aus anderen Nationen. Er gab mir den Namen des wichtigsten Arztes, den ich am Nachmittag besuchen konnte.

Quellen-Gruppe, Rakoczy und Pandur unter Hygea's Schutz, Holzstich 1857 nach e. Statue

[...]

Das Hotel de Russie lag, nebst einigen anderen, auf der einen Seite der Hauptstraße, während sich auf der anderen die öffentlichen Kuranlagen befanden. Ein besonderes Areal von ungefähr fünf Morgen, bekannt als ‚Kurgarten‘, ist den speziellen Anforderungen des Bades gewidmet und der soziale Fokus von Kissingen. Er ist mit dichten parallelen Reihen schattiger Bäume gegliedert, die Promenaden bilden und dort befinden sich die Quellen Rakoczy, Pandur und Maxbrunnen, welche stattlich überbaut sind.

Die chemischen und medizinischen Eigenschaften dieses Wassers sind so weithin bekannt, so dass eine langatmige Beschreibung nicht notwendig ist. Rakoczy, Pandur und Maxbrunnen sind im Wesentlichen gleich im Aufbau, unterscheiden sich aber hauptsächlich in ihrer Stärke. Der erst genannte ist der stärkste und jenes, welches unser künstliches Kissinger Wasser nachahmt. Sie werden fast ausschließlich für Krankheiten der Leber und zur Verdauungsförderung benutzt. Die Karbonate des Eisens, des Kalkes und des Magnesiums und die Chlorverbindungen des Magnesiums und das Natriums sind die Hauptbestandteile. Letzteres (gewöhnlich Salz) ist im Übermaß vorhanden. Unser künstliches Kissinger Wasser ist eine gute Nachahmung, aber es hat weniger Kohlensäure und normalerweise einen stärkeren Salzgeschmack als das Original.

[...]

Das Haus des Dr. W.’s war von solcher Größe und Geschmack, dass ich einen hohen Eindruck vom medizinischen Personal Kissingens bekam. Ich verbrachte eine Stunde sehr angenehm mit dem Doktor, der Englisch sprach und der sehr gastfreundlich war. Mir fiel ein großer farbiger Stich von New York City auf, welcher an der Wand seiner Bibliothek hing. Er riet mir – natürlich – meinen Aufenthalt nicht weniger als drei Wochen zu planen und gab mir folgende Richtlinien, die ich hier wiedergebe, wie er sie mir in mein Notizbuch diktierte:

Gehe jeden Morgen von sechs bis acht; trinke vier Gläser Rakoczy, mit je einer halben Stunde Abstand. Die ersten Tage das Wasser vor dem Trinken etwas wärmen. Frühstück zwischen acht und neun, nur Brot und Kaffee. Um zehn oder elf ein warmes Bad in der Saline und Pandur (zwei der Quellen) gemischt – für fünfzehn Minuten am ersten Tag und stufenweise höher bis zu einer halben Stunde. Nach dem Bad entweder so warm wie möglich gut eingepackt liegen oder kraftvoll spazieren. Mittagessen um eins. Es darf nichts gegessen werden, das sauer, roh oder fettig ist. Tee, Gebäck und frisches Obst sind verboten. Ein oder zwei Gläser des sehr hellen weißen Rheinweins oder Rotwein ist das einzige Getränk, das beim Abendessen erlaubt wird. Kein Wasser während der Abendpromenade. Ein gutes herzhaftes Abendessen um acht Uhr, und zehn Uhr zu Bett gehen.

Das war mein Tages-Regime. Es waren zweifellos keine unangenehmen Auflagen; aber ich protestierte gegen das herzhafte Abendessen vor dem Schlafen gehen, da es durchaus gegen meine bisherige Erfahrung und Erziehung sprach. „Das macht nichts!“ meinte der Arzt, „Das muss hier jeder so machen; Sie werden sehen, dass es das gut so ist.“ Und ich muss zugeben, dass ich niemals einen tieferen und erholsameren Schlaf gefunden habe, als nach diesen herzhaften Abendessen.

[...]

Aus Abner Weyman Colgates Reisebericht Drei Wochen in Kissingen (Three Weeks At Kissingen), 1868.

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Originaltext lesen in der Cornell University Library …

 

 

Georg Heim: Das erste Mal im Weltbad

3½ Monat Ferien, von Ende Juli bis Mitte Oktober. Wer kann sich einer so langen Erholung erfreuen wie ein Student. Bei manchen, besonders jüngeren Semestern, wäre entsprechend der vorher geleisteten Arbeit eine Ruhepause überhaupt nicht notwendig.

Für mich krassen Fuchs war diese Zeit die schönste Zeit. In meiner Heimat war es Sitte, daß drei, vier gleichgesinnte Freunde während der Herbstferien große Fußwanderungen machten; das Radfahren war noch wenig verbreitet.

Die Mittel, die uns Söhnen von Kleinbürgern und Beamten zur Verfügung standen, waren sehr bescheiden. Das zwang zur Sparsamkeit beim Wandern und erhöhte den Genuß. Wie oft haben wir im Heu übernachtet. Die Freude am Gesehenen und Erlebten wurde dadurch nur noch größer.

[...]

Aber einmal hatte ich doch eine Anwandlung zu höherem Genuß und kühnerem Unternehmen. Ich wollte in ein Weltbad, es anderen Leuten gleichtuend. Der Entschluß war rasch gefaßt. Ich fuhr von meiner Heimatstadt Aschaffenburg mit der Bahn bis Gemünden, einem bekannten Eisenbahnknotenpunkt. Von da wanderte ich zu Fuß die Saale aufwärts nach Bad Kissingen, mein Ränzel am Rücken, in der Tasche 20 Mark, die Einnahmen für ein Hochzeitsgedicht, das ich gemacht hatte, und begleitet von einem riesigen Biest, einer dänischen Dogge, außerordentlich intelligent und kühn und zu allem abzurichten. Er gehörte meiner Verbindung.

Blick auf Bad Kissingen, Fotonegativ Bernhard Johannes 1880/1900

So landete ich in den frühen Nachmittagsstunden in dem Weltbad Kissingen, zu jener Zeit berühmt geworden durch die alljährigen Besuche Bismarcks. Zuerst suchte ich mir eine Wohnung. Ich sah Kissingen zum erstenmal, aber ich war mir sehr rasch darüber klar, daß die schönen Hotels in der sogenannten Kurlage bei meinem Etat als Absteigequartier ausschieden.

Bei meiner Expedition lenkte ich somit meine Schritte mehr in die Außenlagen und gewisse Straßen mit kleinen Häusern, Überbleibseln des alten Kissingen. Verschiedentlich waren Zettel ausgehängt mit der Überschrift „Zimmer zu vermieten“. Ich faßte Mut und ging in ein kleines Häuschen am Viehmarkt. Zimmer zur ebenen Erde mit Frühstück, wöchentlich 11 Mark. Ich versicherte der alten Matrone, die mir das Zimmer zeigte, voller Lebhaftigkeit, mit dem Aufgebot außerordentlicher Liebenswürdigkeit, daß das für meinen Freund, für den ich suche, zuviel wäre. Die gute Alte wurde darob nicht erbost, im Gegenteil, sie gab mir einen Fingerzeig, wo man billiger landen könne. Ich fand das Haus, einen niederen Sandsteinbau, wie sie heute noch in Kissingen zu finden sind, bergauf gegen den Sinnberg, außerhalb der Stadt …

Ich trat an, ließ aber zur Vorsicht meinen Hund draußen; ich hatte den Eindruck, als ob mein Cäsar mir bei Abschluß des Geschäftes hinderlich wäre.

Ein altes Ehepaar fragte mich nach meinem Begehren. „Ich habe gehört, man könne bei Ihnen wohnen.“ „Das schon, aber wie lange wollen Sie denn bleiben?“ Jetzt dachte ich an meine zwanzig Mark, und das Blut schoß mir in den Kopf, aber kühn gab ich zur Antwort: „Vierzehn Tage!“ Die Leute musterten mich von oben bis unten und fragten mich, ob ich denn Kurgast sei, was ich für einen Beruf hätte und woher des Wegs. Meine flotte Antwort, ich sei Student und Kurgast, machte auf sie Eindruck. Offenbar waren Studenten als Kurgäste im Weltbad Kissingen seltene Gäste. Nach diesem Vorgefecht wurde ich eine schmale Stiege hoch unter das Dach, Mansarde, hinauf geleitet. Von der Treppe weg fiel man sofort durch eine Türe in die zu vermietende Stube. Das Zimmer gefiel mir. Es hatte den kolossalen Vorteil, daß, wenn mich am Kopf eine Fliege belästigte, ich sie sofort, ohne mich zu strecken, an der Decke zerdrücken konnte. Ich sah aber dann noch eine weitere Türe, drückte auf die Klinke, und die Tür war offen. „Da wohnt ein Kurmusiker bei uns, der geht durch Ihr Zimmer.“ Ich dachte mir, was liegt daran. Dortmals hatte ich einen Schlaf, daß ein ganzes Infanterieregiment durch mein Zimmer ziehen konnte, ohne mich zu belästigen, außerdem war ja mein Cäsar bei mir, der meine Habseligkeiten beschützte. Die übliche, letzte Frage: Was kostet die Bude? Diese burschikose Ausdrucksweise hatte sichtbar keinen guten Eindruck gemacht, aber der Preis war erträglich, neun Mark mit Frühstück per Woche. Ich erlaubte mir die Frage, was das Zimmer ohne Frühstück koste, ich sei nicht gewohnt zu frühstücken, das widerspräche meinen Kuranordnungen.

Das wollte den Leutchen gar nicht einleuchten, denn der Frühstückskaffee mit dem vorzüglichen Kissingergebäck war ja in Kissingen wie in Karlsbad und in allen anderen Bädern die Hauptsache. Heute verstehe ich ganz gut, wenn die Leutchen bemerkten: „Das haben wir noch von keinen Kurgast in Kissingen gehört“, und sie versicherten übereinstimmend, daß sie ohne Frühstück nicht vermieten könnten.

Ich vereinbarte, daß ich bis um 5 Uhr Bescheid geben würde; wenn ich nicht käme, so dürften sie ruhig das Zimmer vermieten. Sie sagten mir zu, das Zimmer bis 5 Uhr zu reservieren, und wir stiegen die Hühnerstiege wieder hinunter; aber, o Schrecken, im Hausgang stand mein Cäsar.

„Gehört der Hund Ihnen?“

„Selbstverständlich!“

„Soll der auch da wohnen?“

„Ach, der ist wie ein Lamm.“

Aber die Partie war verloren, besonders die Alte entwickelte plötzlich eine Beredsamkeit sondergleichen, sie könne sich keinen Dreck ins Haus tragen lassen. Sie hatte für Lämmer kein Verständnis. Das Geschäft ging daneben.

 [...]

Aus Georg Heims autobiographischer Erzählung Das erste Mal im Weltbad (Heitere Geschichten, 1924).

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Heimat, kein einfaches Wort

Essays von Kerstin Specht, Tomáš Zmeškal, Thomas Klupp, Markéta Pilátová, Nobert Niemann, Josef Moník, Silke Scheuermann und Alena Zemančíková. Vlast oder domov: Heimat oder Zuhause?

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