Als Dichtersohn missraten. Die Stadt Würzburg im Leben und Werk von Leonhard Frank II
Der Würzburg-Roman Die Jünger Jesu und Franks missglückte Geburtstagsfeier 1952 in Würzburg
Neben Das Ochsenfurter Männerquartett (1927) und Von drei Millionen Drei (1932) hat Leonhard Frank 1947 im New Yorker Exil einen weiteren Würzburg-Roman geschrieben: Die Jünger Jesu. Mit diesem Werk ist er, wie schon erwähnt, auf Ablehnung gestoßen, hat er doch die Schuld am Nationalsozialismus unverschleiert am Beispiel Würzburgs der Nachkriegszeit aufzeigen wollen. Dabei ging es Frank nicht etwa um eine Verunglimpfung Würzburgs und der Würzburger, was er selbst immer wieder beteuerte, sondern um ein umfassendes Bild der deutschen Nachkriegsgesellschaft, wenn auch mit z.T. falschen Annahmen. So stellt Frank den historischen Zusammenhang der Zerstörung Würzburgs schief dar, wenn er ihn auf den militärischen Widerstandsbefehl der SS zurückführt: „Das SS-Kommando hatte die Forderung des amerikanischen Generals, die Stadt kampflos zu übergeben, abgelehnt und gegen den Willen der machtlosen Einwohnerschaft den Widerstandsbefehl erlassen, obwohl nichts mehr zu ändern gewesen war.“ Tatsächlich hatten englische Fliegerbomben am 16. März 1945 bei Nacht Würzburg angegriffen und zerstört.
Frank deutete an, dass er jede deutsche Stadt für seine Handlung hätte wählen können (vgl. seinen autobiographischen Roman Links wo das Herz ist). Unter seinen Figuren findet sich der unverbesserliche Nationalsozialist, der frühere Blockwart und Schwarzhändler Zwischenzahl, der für den Lynchmord an dem jüdischen Ehepaar Freudenheim auf dem Marktplatz verantwortlich ist. Weil die Justiz das Verbrechen nicht sühnt, tötet die Tochter Ruth Freudenheim, die ein Soldatenbordell in Warschau überlebt hat, den Täter. Im Zentrum des Romans steht der Prozess gegen Ruth, in dem die Mehrheit der Geschworenen das Urteil verweigert und einen Ausweg findet. Noch konsequenter geht die idealistische und titelgebende Jungengruppe „Jünger Jesu“ vor: „Wir, die Jünger Jesu, Vollstrecker der Gerechtigkeit, nehmen von den Reichen, die alles haben, und geben es den Armen, die nichts haben.“ Auf nächtlichen Raubzügen stehlen sie den Würzburgern Gegenstände, der Räuber-Romantik in Franks erstem Roman Die Räuberbande nicht unähnlich. Es ist klar, dass Frank hier Repräsentanten verschiedener Gruppen der deutschen Bevölkerung aufbaut, um ihre Wunsch- bzw. defizitären Absichten exemplarisch darzustellen.
Nichtsdestotrotz wurde Leonhard Frank zeitlebens für die unverblümte Offen- und Direktheit seiner Darstellungen kritisiert. Bei seiner Rückkehr im Oktober 1950 in seine Heimatstadt Würzburg schlug ihm Misstrauen entgegen. Zwei Jahre später, zu Franks 70. Geburtstag am 4. September, schien zwar das Eis gebrochen, aber die Ehre wurde ihm nur von offizieller Seite zuteil. Charlott Frank, Franks dritte Frau, gibt in ihrem Erinnerungsbuch Sagen, was noch zu sagen ist dazu einen ausgewogenen, präzisen Bericht:
Würzburg lud Frank ein zu einer Autoren-Lesung, wobei der damalige Oberbürgermeister Dr. Stadelmayer ihm die silberne Stadtplakette und einen Korb mit „Eschendorfer Lump“, Franks Lieblingswein, überreichte. Auf Stadelmayers Wunsch setzte der Intendant des Würzburger Stadttheaters [Franks Drama] Karl und Anna auf den Spielplan. Frank und ich wohnten der Premiere am 5. November 1952 bei. Es war eine gute Aufführung, und das vollbesetzte Haus dankte dem Autor und den Darstellern mit herzlichem Beifall. Aber ein Würzburger Blatt dachte anders als das Publikum. Es bezeichnete das Schauspiel als „Reportage eines Kaffeehausliteraten“ und Frank als „Verfechter einer leichtfertigen Moral“. Der Verband der Heimkehrer, der Deutsche Soldatenbund und der VdK (Verband der Kriegsopfer) stießen in das gleiche Horn. Wegen „Beleidigung der ehemaligen Kriegsgefangenen und ihrer Frauen“ wurde die Absetzung des Stücks vom Spielplan gefordert. Das Bischöfliche Ordinariat schloß sich an: Franks Stück sei unsittlich, zersetze die Volksmoral und unterminiere die Heiligkeit der Ehe und der ehelichen Treue. [...] Dr. Stadelmayer ließ sich nicht von den Diffamierern einschüchtern. Er lud die Stadträte, prominente Vertreter des Würzburger Kulturlebens und Kulturbeflissene aus anderen Städten – zum Beispiel München – zu einer geschlossenen Sonderaufführung von Karl und Anna ein. Der Theaterkritiker der Süddeutschen Zeitung registrierte „respektablen Beifall“. Damit war den Gegnern des Stückes der Wind aus den Segeln genommen. Der Würzburger Kulturausschuß trat einstimmig für das Stück ein. [...] Hatte auch die Toleranz gesiegt, so blieb für Frank ein bitterer Beigeschmack zurück. Es wurde ihm klar, daß ein nicht unbedeutender Teil seiner Mitbürger, von Vorurteilen befangen, ihn ablehnte. Dieses schmerzliche Gefühl sollte sich in späteren Jahren noch erheblich verstärken.[1]
[1]Sagen, was noch zu sagen ist. Mein Leben mit Leonhard Frank. München 1982, S. 164-166. Zit. nach Gottfried Mälzer: Leonhard Frank und Würzburg. Ein Schriftsteller und seine Heimatstadt. Zum 30. Todestag am 18. August 1991 [Begleith. z. Ausstellung d. Universitätsbibl. Würzburg, 30.9.-14.12.1991], Würzburg 1991, S. 23f.
