Als Dichtersohn missraten. Die Stadt Würzburg im Leben und Werk von Leonhard Frank I

3. September 2010
Von Peter Czoik
Kategorie Über Texte & Autoren

Würzburg in Franks früher Prosa Die Räuberbande

 

Der Name Leonhard Frank ist unweigerlich mit seiner Heimatstadt Würzburg verbunden. Als Dichter hat er sie oft beschrieben, und jahrzehntelang galt er als Nestbeschmutzer, weil er u.a. über den Nationalsozialismus in Würzburg geschrieben hatte (so im Roman Die Jünger Jesu von 1949). Dabei hat wohl kaum ein anderer Dichter den Zusammenklang von Gotik, Barock, Kirchenglocken, Fluss, Brücke und Weinbergen eindrücklicher und konzentrierter gestaltet als er. Am Anfang seines ersten Romans Die Räuberbande (1914) heißt es:

Plötzlich rollten die Fuhrwerke unhörbar auf dem holprigen Pflaster, die Bürger gestikulierten, ihre Lippen bewegten sich man hörte keinen Laut; Luft und Häuser zitterten, denn die dreißig Kirchturmglocken von Würzburg läuteten dröhnend zusammen zum Samstagabendgottesdienst. Und aus allen heraus tönte gewaltig und weittragend die große Glocke des Domes, behauptete sich bis zuletzt und verklang.

Die Unterhaltungen der Bürger und die Tritte einer Abteilung verstaubter Infanteristen, die über die alte Brücke marschierten, wurden wieder hörbar.

Über der Stadt lag Abendsonnenschein.

Ein roter Wolkenballen hing über der grauen Festung auf dem Gipfel, und im steil abfallenden königlichen Weinberg blitzten die Kopftücher der Winzerinnen die Weinernte hatte begonnen.

Es roch nach Wasser, Teer und Weihrauch.

Frank lehnte bewusst einen naturalistischen Sekundenstil ab, der eine vollständige und detailfreudige Realitätswiedergabe, gar einen literarischen Verismus, bedeutet hätte; was bleibt, ist eine typische Situation der Stadt, eine durch viele erlebte Momente gefügte Impression, deren Hauptmotiv der die Stadt und die Menschen beherrschende Katholizismus ist.

Wichtiger noch als die atmosphärische Verdichtung sind die gesellschaftlichen Verhältnisse, die dem Roman zugrunde liegen. Das alte Mainviertel, das Viertel von Franks Jugend, bildet den Schauplatz einer Jugendbande, genannt die Räuberbande. Dieser Stadtteil ist eng und dunkel, die Strukturen mittelalterlich und verwinkelt, die Bevölkerung kleinbürgerlich-katholisch. Der Roman enthält Züge einer Provinzposse, deutlich werden die mitunter verklärten Umrisse eines teilweise verarmten, teilweise überlebens- und standesbewussten Kleinbürger- und Handwerkertums. In dieser beschränkten kleinbürgerlichen Gesellschaft sind Unterdrückung und Demütigung bei der Erziehung zum Staatsbürger an der Tagesordnung; der bigotte Aberglauben wird durch die Figur von Andreas Steinbrechers alias Winnetous Mutter verkörpert, der Volksschullehrer und „Tyrann vieler Generationen Knaben“, Herr Mager, erscheint als Repräsentant einer sadistisch-repressiven Obrigkeit.[1] (In Franks Novelle Die Ursache taucht Lehrer Mager nochmals auf: der Dichter Anton Sailer, ein psychisch zerstörter junger Mann, trifft auf seinen Peiniger und tötet ihn, als dieser einen Schüler demütigt und quält, wie er selbst von ihm behandelt wurde. Sailer wird verurteilt, Leonhard Frank entwickelt daraus aber ein Plädoyer gegen die Todesstrafe.)

Die Kinder und Jugendlichen, die unter dem System zu leiden haben, entwickeln ‚räuberische’ Zerstörungsphantasien und den Drang nach Amerika auszuwandern. Dieser Wunsch begründet auch den Versuch Michael Vierkants alias Oldshatterhands, eine Künstlerexistenz unter Askese und erlittener Bohème aufzubauen. Schließlich überwiegt jedoch die Macht der Realität: die Jugendlichen passen sich an, genießen die Vorteile, die ihre Berufstätigkeit mit sich bringt, und übernehmen elterliche Verhaltensweisen bzw. Wertvorstellungen. Der Sinn für das Große wird so zunichte gemacht. „Die ganze dumpfe Stadt ist eine Lügnerin, und alle, die darin wohnen, sind Lügner. Lüge mit ihnen, und sie werden dir alles verzeihen, wenn du geworden bist wie sie“, resümiert Michael Vierkant in seinem Traum kurz vor seinem Selbstmord. Würzburg wird hier zum Bild einer harten, unterdrückerischen Gesellschaft.

Dem gereiften Michael Vierkant, im Roman Die Räuberbande verdeutlicht durch die Figur des Fremden, ist eine Versöhnung mit der Heimatstadt dennoch möglich – seine Rückkehr nach Würzburg ist die eines veränderten Menschen, des Künstlers, der seinen Jugendfreunden bei aller Distanziertheit wohlwollend gegenübertritt. Am Ende wird dies angedeutet, als der Fremde unerkannt bei den ehemaligen Mitgliedern der Bande am Stammtisch bei Oskar Benommen sitzt. Gleichwohl ist hier nicht mehr sein Platz: „Der Fremde wanderte hinaus aus Würzburg.“

 

Morgen lesen Sie: Der Würzburg-Roman Die Jünger Jesu und Franks missglückte Geburtstagsfeier 1952 in Würzburg

[1]Die realen Hintergründe für diese Figur schildert Werner Dettelbacher: „Der Lehrer der Räuberbande, der seine Klassen terrorisierte, hieß Georg Dürr und wuchs in Prichsenstadt (Bezirksamt Gerolzhofen) auf, wo er 1853 geboren wurde. [...] In der Münzschule unterrichtete Georg Dürr Frank in den Klassen 5 mit 7, denn die 8. Klasse wurde in Würzburg erst 1907 obligatorisch. Dass Dürr 1913 von der Münzschule in die Maxschule (heute Mozart-Gymnasium) versetzt wurde, hatte nichts mit seinen Prügeleien zu tun. Er war Hauptlehrer geworden, hatte den höchsten Dienst- und Besoldungsgrad erreicht, ehe er zum 1.1.1921 in den dauernden Ruhestand versetzt wurde. [...] Nun war die Prügelstrafe an Volksschulen erlaubt, um böswillige Streiche zu ahnden oder renitente Schüler zur Raison zu bringen. [...] Da es keinen Elternbeirat gab und die meisten Eltern mit einer Züchtigung bei ‚Schulvergehen’ einverstanden waren, drohte dem Lehrer keine Gefahr einer Anzeige oder Versetzung. [...] Der Lehrer herrschte aber nicht nur mit dem Rohrstock, den er vor jeder Exekution pfeifend durch die Luft schwang, er strafte den Schüler Frank auch, indem er ihn übersah oder lächerlich machte.“ (W. D.: Leonhard Franks Jugend in Würzburg. Würzburg 1999 [= Schriftenreihe der Leonhard Frank-Gesellschaft, H. 7], S. 16-19)

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