In Berlin V
Mal gucken, was die Konkurrenz so macht: Im August und nachträglich noch ein bisschen im September bloggt Katrin über das literarische Leben in Berlin.
Nun habe ich es endlich einmal geschafft, eine der in Berlin ja wirklich zahllosen und zudem fast allesamt bereits legendären Lesebühnen zu besuchen. Wir waren – und das soll keine Vorab-Empfehlung sein, sondern passte einfach wegen des Wochentags – bei (oder auf?) der „Chaussee der Enthusiasten“, die im RAW-Tempel in Friedrichshain stattfindet. Als wir kamen, hatte das Lesen bereits begonnen – und weil es wirklich ziemlich voll war, fanden wir nur noch einen Platz mit eingeschränkter Sicht (in der Oper nennt man die, glaube ich, Partitur-Plätze), quasi an der Tür in den großen Saal, den ich deshalb leider auch nicht komplett überblicken konnte. Ich würde schätzen: Mehr als 100 Leute saßen da auf jeden Fall.
Lesebühnen sind irgendein Zwischending zwischen Lesung, Poetry Slam und Kabarett: Bei den Texten, die da vorgetragen werden, handelt es sich zweifellos um literarische Texte; allerdings um eher kurze Texte, die oft nicht unbedingt als Erzählungen bezeichnet werden können; und dafür manchmal aber durchaus äußerst unterhaltsam, fast schauspielerisch vorgetragen werden und daraus auch unbedingt ihren Reiz ziehen. Man muss es also fast als ganz eigene Gattung bezeichnen, wobei die Grenzen selbstredend fließend sind (wie immer eben …).
Dass der Witz dabei deutlich im Vordergrund steht, ist keine Frage. Das weiß ja auch das Publikum: Als Dan Richter seine Zuschauer darüber abstimmen ließ, welchen der drei mitgebrachten Texte er lesen solle – „Vor dem Café“, „Schwarze Hochzeit“ oder „Top Ten meiner Bewerbungsgespräche“ (oder so ähnlich) – johlte das Publikum freilich für Letzteres. Die Themen dürfen also durchaus ‚schwere‘ Themen sein. Solange man nur auf ein paar Gags hoffen kann. Und das kann man natürlich, wenn es um Bewerbungsgespräche geht. Wobei Dan Richter mich dennoch positiv überrascht hat, das sei zu seiner Verteidigung einmal festgehalten! Gut gefallen hat mir auch Stephan Serin, das sei hier noch sang- und klanglos hinzugefügt.
Der schönste Text des Abends war jedoch zweifellos Kirsten Fuchs’ Spintisiererei über einen Besuch vom Tod, dem der Besuch von der Geburt folgt (die sich dann ineinander verlieben) sowie der Besuch der Großen Liebe. Obwohl die Ich-Erzählerin an diesem Abend eigentlich nur eine depperte Romantic Comedy im Fernsehen ansehen wollte. (Kirsten Fuchs’ Debut- und bislang einziger Roman Heile, heile sei bei dieser Gelegenheit sehr empfohlen). Den Vorwurf, Lesebühnen-Texte seien einzig und allein auf die Pointe aus, kann ich folglich nicht bestätigen: Das war ein schöner, zugegeben sehr witziger (schon lange habe ich keine Tränen mehr gelacht), aber auch auf zumeist schlaue Weise unterhaltsamer Abend. Das kann man den Bayern nur empfehlen …
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