In Berlin IV
Mal gucken, was die Konkurrenz so macht: Im August bloggt Katrin über das literarische Leben in Berlin.
Auf einem Fußmarsch vor ein paar Tagen – ich muss mir Städte immer erlaufen, sonst habe ich das Gefühl, keine Ahnung von ihnen zu haben – kam ich an der Bona-Peiser-Bibliothek vorbei, die etwas zurück versetzt in der Oranienstraße Nr. 72 liegt. Der Name Bona Peiser war mir ein paar Tage zuvor schon einmal begegnet, nämlich in Form des Bona-Peiser-Wegs, der allerdings ein wenig verdrießlich an der Köpenicker Straße liegt, in einem Stück des ehemaligen Ostberlin, das momentan eher an eine Industriebrache erinnert denn an ein eigentliches Goldstück im Zentrum einer aufstrebenden Großstadt. Jedenfalls wollte ich dann doch langsam mal wissen, wer Bona Peiser war. Und siehe da: Bona Peiser war die erste deutsche Bibliothekarin. Allzu viel findet man auf die Schnelle – id est: im World Wide Web – nicht über sie, weshalb man dann eben doch bei der Wikipedia landet. Dort wird Bona Peiser auch zitiert bzw. werden die von ihr und ihren Mitstreitern formulierten Grundsätze der „Öffentlichen Lesehalle“ zitiert. Und die lauteten offenbar:
Die öffentliche Bücherei ist eine Angelegenheit des ganzen Volkes. Sie soll zugleich das Bildungs- und Unterhaltungsbedürfnis aller Bevölkerungsschichten befriedigen. Sie darf keiner Klasse, keiner Partei dienen. Ihre einzige Tendenz ist, keine Tendenz zu haben. Sie muß mit den besten Werken der Literatur der populären Wissenschaft ausgestattet sein und muß deren Benutzung so bequem wie möglich machen durch Ausleihen sowie durch Einrichtung einladender Lese- und Nachschlageräume, die jederzeit für jedermann unentgeltlich offenstehen. Die in der Lesehalle angebotenen Zeitungen müssen allen Parteien und Richtungen angehören, so daß sie eine neutrale Stätte bedeutet, die über die trennenden Meinungen hinweg zur Verständigung und gegenseitigen Achtung jeder Überzeugung führen kann.
Das klingt im Duktus vielleicht ein wenig fern, würde ich aber dennoch sofort unterschreiben. Und im Grunde habe ich auch das Gefühl, dass die zeitgenössischen Öffentlichen Lesehallen, vulgo Gemeinde- und Stadtbibliotheken, sich auch heute noch an dieses Prinzip halten – jedenfalls sofern es der Etat hergibt. Will sagen: Bibliotheken sind unterschätzt, chronisch unterschätzt. Und das ist vielleicht gar nicht einmal das Schlechteste, das ihnen passieren kann.
P.S.: Den ja noch verhältnismäßig neu aussehenden Schuh, der vor der Bona-Peiser-Bibliothek im Gras lag, kann ich mir allerdings nicht erklären. Möge ein Anderer die zugehörige Geschichte der teilweise barfüßigen Leserin aufschreiben …
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