Aparte Pop-Literatur: Zu Thomas Meinecke

27. August 2010
Von Peter Czoik
Kategorie Über Texte & Autoren

Wer ein schönes Buch mit ebenso ‚schönen‘ – und das meint hier auch abgeschlossenen – Geschichten lesen möchte, ist bei Thomas Meinecke sicherlich nicht richtig. Der Autor versteht sich als postmoderner Pop-Literat, wobei die Grenzen zwischen Pop und Postmoderne geradezu fließend sind: „Was mich an Pop so interessiert, ist eigentlich genau dieser postmoderne Aspekt, nämlich Postmoderne hier im Sinne von etwas Nachgeschaltetem, wo man auch Dinge, die schon vorher gewesen sind, sich bewusst anguckt.“ (Meinecke in einem Interview) Das Intelligente an Pop ist folglich nicht die vordefinierte, konservierte Ritualisierung von Handlungen – das, was Autoren immer schon gemacht haben, indem sie eine Geschichte erzählten –, sondern die Neuerweckung oft disparater Diskurse und Identitätsfragen. „Handlung lenkt ab“ – so der provokative Vorwurf Meineckes;[1] vielmehr soll das Lesen selbst zur Handlung werden, der fortlaufende Diskurs übernimmt praktisch die Rolle des/der Handelnden.

Insofern sind Meineckes literarische Werke diskursive Gebilde, in denen das (lesende) Subjekt diskursive rites de passage durchläuft und zu immer neuen, faszinierenden Assoziationsketten vorstößt. (Die Erkenntnis ist oftmals mehr als nur spielerischer Pop.) Angefangen von seinen kurzen Prosaminiaturen, die 1986 in einer Auswahl unter dem Titel Mit der Kirche ums Dorf erschienen, bis zum neueren Roman Jungfrau (2008) versammelt Meinecke Meinungen und Identitäten, probiert sie experimentell aus und zeigt zugleich ihr Scheitern, vereint sie um eine leere (Sinn-)Mitte mit entideologisierten Vorzeichen. Ein Beispiel: In der Kurzgeschichte Apart aus Mit der Kirche ums Dorf bildet eine rundweg elegant geflochtene Kette von Stupiditäten und Stereotypen das Erzählgerüst, dessen thematischer Schwerpunkt „Ilse Banzer aus Darmstadt“ ist.

Klischee häuft sich auf Klischee: Ilse Banzer liefert „wertvollsten Diskussionsstoff“, man ist „gespannt wie die Flitzbögen“, ein politisches Problem (Südafrika) „zieht [...] regelrecht die Schuhe aus“.[2] Nachdem zwei Extreme einer Antwort auf die Frage, was Ilse Banzer denn so dringend mitzuteilen hat, geliefert werden – einmal die schlichte Belanglosigkeit ihres frühmorgendlichen Tuns, dann das zynische Bekenntnis zum Unterhaltungswert der TV-Kultur („Dalli-Dalli“ oder die „Terrorismus-Sondersendung“) –, kündigt sich in einer erneuten Steigerung des Berichtswerts das Eigentliche vom „eigentlichen“ Sprechen Ilse Banzers an: „Südafrika war es, welches Ilse Banzer letzte Woche beim vormittäglichen Fernsehen regelrecht die Schuhe auszog.“ Doch der dem Ganzen eingebaute Sinn des Berichts erfährt eine Ablenkung. Ilse Banzer reflektiert das Verhältnis von Medien und Politik angesichts der Fußballkatastrophe in Brüssel (es handelt sich um jene Massenpanik beim Europa-Cup-Finale im Brüsseler Heysel-Stadion am 29. Mai 1985), während der Erzähler mit einer Art Hinterlist über ihre Eigenschaft als „aparte Tochter steinreicher Lederwareneinzelhändler aus Darmstadt“ und studentische Vergangenheit befindet.[3] Die fröhlich-nihilistische Umkreisung einer leeren Mitte, zu einer Pointe, die letztlich ausbleibt, wird schließlich zum Markenzeichen von Meineckes Prosa.

[1]In: Spex 1999, H. 227, S. 34.

[2]„Die gängige Technik ‚ernster‘ Literatur, der Rede ihren ‚eigentlichen‘, ihren verborgenen Hinter- oder Doppelsinn, möglichst ihren Ur-sinn abzugewinnen, wird von Meinecke auf der Suche nach dem Klischee, dem oberflächlichen, dem einfachen, dem offenbaren Unsinn, umgekehrt.“ (Hubert Winkels: Einschnitte. Zur Literatur der 80er Jahre. Erw. u. bearb. Ausgabe. Frankfurt/M. 1991, S. 204)

[3]„Der Text gibt den im Medienschwindel aufgelösten Problemzusammenhang so wieder, wie er sich, verschnitten mit Privatheiten, in einem bundesdeutschen Durchschnittsgemüt widerspiegelt. So taucht der Begriff ‚Apartheid‘ gar nicht erst expressis verbis an der Textoberfläche auf, nur noch seine Wurzel, diese jedoch als verschobene Verstümmelung im Attribut ‚aparte‘ Tochter.“ (Ebda., S. 206f.)

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