Kleine Reise. Otto Julius Bierbaum über Landshut

18. Juli 2010
Von Peter Czoik
Kategorie Bayern lesen

Eine schöne Festigkeit kam über mich. Ich hatte ein Ziel. Ich werde heute nacht dort schlafen, sagte ich mir, wo der Regen in die Donau fließt (wenn ich nicht irre); ja, ich werde sogar dann in Regensburg schlafen, wenn dort ein anderer oder gar kein Fluß in die Donau fließen sollte.

Ich hätte das nicht mit solcher Bestimmtheit behaupten sollen, denn der letzte Regensburger Zug fuhr gerade ab, als ich an die Schranke kam.

Was tun? Sollte ich fünfzehn Bahnminuten von meinem Schloß (ich besitz bekanntlich ein Schloß) entfernt in einem Münchener Hotel übernachten? Unmöglich! Fünfzehn Minuten von meinem Schreibtisch entfernt kann ich sicher nicht schlafen. Zum Glück belehrte mich ein königlich bayerischer Fahrplan, daß 11 Uhr 15 Minuten ein Zug nach Landshut ging. Ein vortrefflicher Zug sogar: ein Eilzug, der nur dreiviertel Stunden länger braucht als ein Schnellzug. Ein Eilzug ist nämlich kein Schnellzug. Nur ein Schnellzug ist ein schneller Zug an sich. Ein Eilzug ist nur ein gemeiner Zug, der es etwas eilig hat. Sagen wir: ein Bummelzug, der mit ein paar Minuten renommiert, die er früher ankommt, als es sein Temperament eigentlich erlaubt. Wer Sinn für den Reiz der Nüance hat, wird das sympathisch finden.

[...]

Martinskirche zu Landshut. Druck nach e. Zinkographie von 1895

Martinskirche zu Landshut. Druck nach e. Zinkographie von 1895

Mein behaglich dahinschlendernder Eilzug behob das Gefühl von Uebelkeit bald, und es tat mir fast leid, als er mich kurz vor ein Uhr in Landshut absetzte. Gleich einer Wiege hatte er mich müde geschaukelt. Jetzt fahr’ ich, dacht’ ich mir, im Hotelomnibus zum alten Kronprinzen neben der Martinskirche, die den zweithöchsten Kirchturm der Erde besitzt, und dann will ich schlafen, daß es eine Art hat. Selbst die Falken in der Turmrose des heiligen Martin sollen in ihrem gotischen Neste nicht besser schlafen.

Wieder eine voreilige Behauptung. Keine Ahnung von einem Hotelomnibus war da, und ein anderer Wagen auch nicht.

Nun wäre es das Nächstliegende gewesen, zu Fuße zum Kronprinzen zu pilgern, das Köfferchen in der Hand und den Torgauer Marsch auf den Lippen. Eine halbe Stunde durch die Nacht zu wandern ist am Ende noch keine Pönitenz.

Aber da taucht der böse Engel der Faulheit neben mir auf in Gestalt eines Landshuter Bürgersmannes mit einem großen Bart aus brauner Wolle im Gesichte. Und sagt: Hundert Schritte links steht ein Gasthof … Hundert Schritte links …, das ist eine Minute gegen dreißig! – und ich wog das Köfferchen und ging hundert Schritte links, Fröhlichkeit im Herzen, das Köfferchen in der Hand und den Torgauer Marsch auf den Lippen.

Ich hätte besser einen Trauermarsch pfeifen sollen.

Auf das Gasthaus? Nein, auf mich. Den Trauermarsch eines Sybariten.

War das Bett nicht ganz erträglich? Das Zimmer nicht immerhin ein Zimmer?

Ja doch. Aber es roch muffig, und in den Krügen war kein Wasser. Und dann: nebenan rangierten fleißige Leute die Güterzüge. Und: die Stearinkerze hatte einen schlechten Atem und brannte außerdem düster. Und: das Fenster war undicht. Und – überhaupt! Ich werde doch wohl noch das Recht haben, abends ein Glas Wasser zu trinken und in Balzacs contes drôlatiques zu lesen! Wie?

Und dann: Ruhe! Herrgottsdonnerwetter, Ruhe! Wenn ich einschlafen soll, ist es keiner Mücke erlaubt, zu niesen, geschweige denn, daß königlich bayerische Lokomotiven losbrüllen. Ja, brüllen! Denn das ist kein Pfeifen, sondern wüstes Gebrüll. Ich verbitte mir das! Auch soll das Fenster nicht quietschen und – ewige Vorsehung, ist das erlaubt? –: jetzt schnarcht ein Mensch! Es gibt da nebenan einen Menschen, der die Frechheit, ja die Infamie besitzt, zu schnarchen. Zu schnarchen? Nein: er röchelt. Verröcheln soll er. Ich bezahle die Beerdigung.

[...]

Ich stand auf und sockte im Zimmer hin und her wie ein traurig unsteter Eisbär hinter den Käfigstangen.

Bis um fünf. Dann nahm ich mein Köfferchen und wandte mich von dannen. Da ich mich nicht hatte waschen können, das Waschzeug aber mechanisch beim Eintritt ins Zimmer ausgepackt hatte, so vergaß ich es mitzunehmen. An dem Brunnen, an dem ich mich wusch, stöhnend, als ob das etwas Furchtbares wäre, während es doch eigentlich sehr poetisch ist, sich an einem Brunnen zu waschen (nicht?), merkte ich es nicht. Und nun trauert meine verwaiste Seifendose und meine Handbürste, die wie ein märchenhaft nach allen Seiten Borsten ausstrahlendes Tier aus der Zoologie Markus Behmers ist, in der schmählichsten Verlassenheit auf einem schlechthin unmöglichen Waschtisch aus Blech, das Marmor heuchelt.

Der Bahnhof zu Landshut war nicht darauf vorbereitet, mich in so früher Morgenstunde würdig zu empfangen. Der Mann, dem ich mein Köfferchen bis 6 Uhr 40 Minuten anzuvertrauen gedachte, da es mir komisch vorgekommen wäre, meinen kümmerlichen Reisebesitz unablässig in der Hand zu tragen, wie es Damen mit ihren Pretiosentaschen tun, erhob sich eben hinter einem Verschlage und erschien in Unterhosen, die so sehr ohne alle Beamtenauszeichnung waren, daß ich mich anfangs fragte, ob ich einem so mangelhaft beglaubigten Manne mein Gepäck überlassen dürfte. Da er aber bald darauf eine Beamtenmütze aufsetzte, überantwortete ich ihm, durch ein bißchen dunkelblaues Tuch sofort beruhigt, alle meine Instrumente zur Aufrechterhaltung der persönlichen Reinlichkeit, mein Nachthemd, meinen schönen Balzac-Band, meine Taschentücher, meinen Bädeker über Süddeutschland, und ein Gedicht, von dessen unbeschreiblicher Herrlichkeit ich so lange überzeugt sein werde, bis es gedruckt vor mir liegt. Denn durch die Berührung mit Druckerschwärze verlieren alle meine Gedichte für mich jeden Reiz. Gefühle, die durch eine Buchdruckpresse gegangen sind, sind wie aufgespießte und hinter Glaswänden zur Schau gestellte Schmetterlinge. Jeder Adolf Bartels kann seine Nase darüber halten. Freilich auch jedes hübsche und zärtliche Kind sein Näschen. Lassen wir also das Schelten.

Bitte, wann gibt es Kaffee? fragte ich eine rüstige Niederbayerin, die mit aufgeschürzten Röcken in der Restauration zweiter Klasse den Kehrbesen regierte.

In der zweiten Klasse um sechs, antwortete die junge Magd, in der dritten Klasse halb sechs.

Siehstewoll! sagte ich mir, so gleicht sich auf der Welt alles aus. Die Aristokratie muß warten, weil ihrem Lokal höherer Glanz verliehen wird.

Da ich äußerst aristokratisch angelegt bin, beschloß ich, erst um sechs Uhr Kaffee zu trinken und bis dahin meinen Gedanken peripatetisierend nachzuhängen.

Literarhistorisch halb gebildet, wie ich bin, dachte ich daran, daß auf der Universität Landshut Arnim und Brentano oder auch vielleicht bloß Arnim oder Brentano studiert haben, und daß dem einen oder dem andern, oder auch beiden, hier zuerst der Reiz des alten Deutschland aufgegangen sein mag. Denn Landshut ist ein entzückend altertümliches Städtchen, das die wunderlichsten Giebelfronten aufzuweisen hat, die man sich denken kann. Es gibt dort eine Straße mit lauter gotischen Häusern. Aber da sich seit der Gotik der Geschmack geändert hat, so ist das Gotische an diesen Häusern wegfrisiert worden, und man hat die ursprüngliche Giebelform aufs wunderlichste verschnörkelt. Die Barockzeit wulstete sie bloß aus, in der Biedermeierzeit aber maskierte man sie geradezu, und so gibt es in Landshut Giebel, die wie der Querschnitt einer Vase aussehen.

Dies und anderes rief ich mir ins Gedächtnis zurück, als ich im Wartesaal dritter Klasse eine Kellnerin mit einer großen Kaffeekanne einherwandeln sah. Ich drängte meine aristokratischen Tendenzen gewaltsam zurück und stieg zum gemeinen Volke hinab, indem ich mich neben einem Manne niederließ, der eine in schwarzes Tuch eingeschlagene Trompete bei sich führte.

Grüß Gott, Herr Nachbar! sagte der Mann.

Grüß Gott, Herr Kollege! sagte ich; wo blasen Sie heute?

Er nannte einen Ort, der auf … fing endigte, und fügte hinzu, daß dort eine Hochzeit sei.

Und da müssen Sie schon früh um sechs dort sein? meinte ich.

Nun natürlich, sagte er, es ist doch den ganzen Tag Hochzeit!

Den ganzen Tag Hochzeit! dachte ich mir, das ist ein tüchtiges Prinzip.

Als ich dann von Landshut nach Regensburg fuhr (in einem aufrichtigen Bummelzug, der keine Eile vorschützte), fand ich, daß heute nicht bloß den ganzen Tag, sondern überall in dieser Gegend Hochzeit war. Auf jeder Station stiegen Brautjungfern mit Kränzen im Haar teils ein, teils aus, und überall warteten geschmückte Wagen mit Musikanten, die alle den guten alten Baye–ri–a–rischen aufspielten. Auf einer Station aber wurden Schweine verladen, die mit entsetzlichem Quieken dagegen protestierten, daß man sie am Schwanz und an den Ohren aufhob und in den Wagen stopfte. Hochzeit – Schlachtbank. Das Leben hat zwei Seiten.

Aus Otto Julius Bierbaums Erzählung Kleine Reise.

Die ganze Erzählung auf gutenberg.spiegel.de lesen …

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