Max Dauthendey über Würzburg

4. Juli 2010
Von Peter Czoik
Kategorie Bayern lesen

Würzburg von der Mainbrücke (1900)

Um sechs Uhr morgens traten wir gewöhnlich schon die Spaziergänge an, und in den frühsonnigen Straßen, in denen noch alles schlief, begegneten wir nur den Milchwagen, den Bäcker und Metzgerburschen und einigen frommen katholischen Kirchgängern, die bereits aus der Frühmesse kamen, in die sie schon um fünf Uhr gegangen waren.

Man muß sich dazu das Bild der alten sauberen fränkischen Stadt Würzburg vergegenwärtigen. Die Straßen sind vom Samstagabend her blank gekehrt, und die Morgensonne liegt weit gedehnt auf unserm Weg, auf der Theaterstraße und auf dem Residenzplatz. Die Schaufenster sind alle geschlossen. Kein Wagen fährt noch, und Trambahnen gab es nicht zu meiner Knabenzeit.

Aus der neumodischen Kaiserstraße, in der wir wohnten und die das geschäftstätige neunzehnte Jahrhundert in ihren Häusergesichtern zeigte, kamen wir in die Theaterstraße, in welcher die Rokokobauten vorherrschten. Und wir wandelten an den reizvollen geschweiften Türen und Treppen des achtzehnten Jahrhunderts entlang und kamen an zwei großen Standbildern von Heiligen vorbei, die damals den Eingang in die Eichhornstraße schmückten. Sie trugen die bewegte Linie des achtzehnten Jahrhunderts zur Schau, jener Zeit, die den Faltenwurf der Gewänder ein wenig theatralisch behandelte. Man vergaß beim Anblick dieser Standbilder, daß sie aus Stein waren. Man glaubte den Wind in den Gewändern rauschen zu hören. Die beiden Heiligen waren in Größe und Darstellung den zehn Heiligenbildern ähnlich, die heute noch die Brückenpfeiler der alten Mainbrücke prächtig schmücken. Weiter im Morgen sah ich zur linken Hand das lange, schlichte und schmucklose Haus des Spitals Zum heiligen Geist, einen mittelalterlichen ernsten, ehrwürdigen Bau, der nach der Theaterstraße hin nur eine einfache Wand mit zwei Reihen Fenstern zeigt. Vor den meisten Fensterscheiben stehen dort im Sommer altmodische Blumen in Töpfen, rote Geranien, getreulicher Efeu und vielleicht dazwischen ein Rosenstock.

Hinter den Scheiben wohnen alte arme Würzburger Bürger, siebzig- und achtzigjährige Leute, die im Spital außer ihrer Kammer und ihrer einfachen Kost täglich ihren Schoppen Wein von der berühmten Heiligengeistkellerei der Stadt Würzburg erhalten. [...]

Dann am Theatergebäude entlang, das auch ein alter fürstbischöflicher Bau ist und mehr einem Stiftshaus als einem Theater ähnelt, leuchtet in der Ferne, über dem gepflasterten Residenzplatz, im Morgenlicht silbrigblau das Dach des ungeheuren und herrlichen Residenzschlosses, das das größte und schönste Schloß in Deutschland ist.

Und hinter dem Schloß, draußen vor der Stadt, am Ende des Rennweges, hinter dem großen Schloßpark mit seinen Terrassen, seinen Rokokolauben, Freitreppen und seinen Ulmengängen auf hohen Wällen, lagen in dem Ringpark, welcher an Stelle der früheren, geschleiften Pestungswerke der Stadt Würzburg entstanden ist, ganz im Tau die hohen Wiesen, besät mit gelbem Löwenzahn und weißen Margaretenblumen. [...]

Noch ein paar Minuten durch einen Seitenweg weiter endete der Frühspaziergang in einem Garten, wo weißgedeckte Tische standen und einige wenige Frühaufsteher schon saßen und ihren Kaffee einnahmen. Diese Morgenspaziergänger hatten sich alle seit Jahren gewöhnt, sich wie eine kleine Stammgesellschaft von Morgensonnenanbetern sonntags hier zu sehen. Beim Niedersetzen oder Aufstehen grüßten sie sich freundlich von Tisch zu Tisch.

Etwas so Huldvolles wie diese Morgenspaziergänge in Würzburg, im Mai und Juni, habe ich erst wieder bei einem Frühlingsaufenthalt in Japan erlebt, wo die wohlgesitteten japanischen Familien, schweigend und liebenswürdig lächelnd, sich morgens sechs Uhr zur Blütezeit der Päonien, im Mai, in einer bei Tokio gelegenen friedlichen Gärtnerei trafen. Leise wispernd saßen sie zu zweien und dreien, mit taubenblauer und mausegrauer Seide angetan, sauber frisiert, auf breiten Holzbänken, die mit roten einfachen Wolldecken belegt waren. Sie nippten ihren Tee aus winzigen Teeschälchen und bewunderten still die langen Reihen der kopfgroßen Päonienblüten. [...]

Wenn die Sonne höher gestiegen war und wir um elf Uhr aus jenem Morgengarten nach Hause gingen, nahmen wir manchmal unsern Weg durch den Hofgarten, das ist der Schloßgarten von Würzburg. Finken, Goldammern, Rotkehlchen, Drosseln und Zeisige, alle Vogel, die da in den Büschen hüpften und sich unter dem Strahl des großen Springbrunnens ab und zufliegend badeten, lehrte mich mein Vater kennen. Alle hatte er als Knabe im Harz in aufgestellten Sprenkeln im Garten gefangen und sie in Käfigen gehalten.

Wenn ich heute wieder in jenen Schloßgarten durch eines der verschnörkelten schmiedeeisernen Tore eintrete, die Wunder der Schmiedekunst sind – da ihr Eisen nicht zu Gittern, sondern zu mächtigen rankenden Blumenhecken verarbeitet wurde, die den herrlichen Garten würdevoll abschließen, dann fallt mir immer beim Anblick der gestutzten runden Orangenbäumchen, die mit gelben Früchten in ihrem dunklen Laub in grünen Kübeln an der Front des Schlosses entlang und rund um den großen Springbrunnen aufgestellt stehen, die alte zugestutzte Art und Sitte ein, die noch in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts zugleich mit franzosischen Umgangsformen an kleinen deutschen Höfen gepflegt wurde. Bei dem Duft, der aus den tiefdunklen Taxushecken der Gartengänge kommt, und bei dem Wohlgeruch des Buchsbaumes, der die Tulpenbeete mit niedriger Hecke geradlinig einfaßt, entstehen in mir die Vorstellungen, als öffne ich alte Schatullen, aus welchen alte Papiere, Aufzeichnungen und Bilder jener Zeit mich ansehen. [...]

Ich erinnere mich eines Ostermorgens, ein Jahr nach dem Tode meiner Mutter. Mein Vater führte mich durch das Burkarder Stadttor hinaus an dem großen Gefängnisbau vorüber, der dort wie ein assyrischer Bau steil in den Himmel ragt. Ehe wir aber an das Stadttor kommen, sind wir von unserem Hause aus am Main über die alte steinerne Mainbrücke gegangen, auf deren Pfeilern zu beiden Seiten des Brückenweges die alten Steinbilder in Rüstungen und wallenden Mänteln, mit Kronreifen, Reichsäpfeln, Schwertern und Schilden geschmückt, mir immer einen großen Eindruck machten. Drüben dann im Mainviertel, dem urältesten Teil der Frankenstadt Würzburg, in der langen alten Straße zum Burkarder Stadttor war damals eine dunkle Schmiede der Hauptanziehungspunkt für mich. Jahraus, jahrein dröhnten dort Hammer und Amboß, und immer hockte ein rotes Feuer auf dein Schmiedeherd drinnen und spritzte Funken in die Finsternis, die nach Eisen und Rauch roch. Die Straße führte uns dann weiter, überragt von den großen dunklen Mauerausschnitten des Festungsberges, zur ältesten Kirche, zur Burkarduskirche, die aus dem achten Jahrhundert stammt. Aber vorher lag rechter Hand noch ein schauerliches Gebäude, in dessen Hof damals die Hinrichtungen stattfanden und auf dessen Dachstuhl eine alte kleine Glocke hing, das Armesünderglöckchen, das nur geläutet wurde, kurz ehe der Scharfrichter seines grauenhaften Amtes walten mußte. [...]

An jenem Ostermorgen Schritten mein Vater und ich auch diesen Weg entlang, der damals noch keine Häuser, sondern nur alte Gartenmauern zeigte. Über den kleinen Gartentüren stand manchmal ein Madonnenbild, umgeben von Blumentöpfen. Denn hier war die Wallfahrtsstraße, die unter alten Akazien in Stufen heute noch auf den Käppelesberg führt. Das Käppele ist eine prächtige Rokokokapelle, die oben auf dem Nikolausberg mit vielen bauchigen Kuppeln die Beter empfangt. Über schone, helle steinerne Terrassen, auf denen mächtige Platanenbäume sich über stattliche Steinzellen breiten, von denen immer drei Zellen auf jede Terrasse verteilt sind, steigt man zur Kirche hinauf. Die Steinzellen sind offen, und jede birgt hinter einem Gitter eine lebensgroße Sandsteingruppe, auch in Rokokoart sehr lebendig dargestellt. Die Gruppen zeigen von der untersten Terrasse bis zur höchsten den Leidensgang Christi, von der Verurteilung durch Pontius Pilatus bis zur Auferstehung am Ostermorgen und bis zur Ausgießung des Heiligen Geistes am Pfingsttag. [...]

Als Professor Röntgen hier im physikalischen Institut die X-Strahlen entdeckte und ein neues, den Menschenkörper durchdringendes Licht den Augen sichtbar machte, war ich noch ein junger Mann und schrieb eben an meinem Buch Ultraviolett. Und ich sagte mir später oftmals; in keiner ändern Stadt, nur in Würzburg konnten die X-Strahlen entdeckt werden. Hier kommt geheimes Licht den Menschen so nah wie selten wieder auf einem Punkt der Erde. Das Würzburger Licht, das an den sonnigen Tagen von den Bergen wie eine blaue Elektrizität rund um die Stadt in den Himmel scheint, kommt mir immer vor wie aus einem Jubel geboren. Ist es die Stellung der Hügel, die wie Brennspiegel verteilt am Mainufer nach Süden gerichtet stehen? Oder ist es der lange flüssige Spiegel des Mains selbst, der das gewundene Maintal aufhellt, so daß es scheint, als flösse zwischen den Hügeln ein weißes Feuer, das, mit der Sonne vereint, die Weinbeeren an den Geländen kocht? – Ich weiß es nicht, warum Licht und Luft hier immer jubelnd gestimmt sind. Es gibt viele schöne Orte auf der Welt, die einen frohstimmen, so wie es viele Orte gibt, die einen ernüchtern und des Frohsinns berauben können. Aber auch ohne an den Wein hier zu rühren, finde ich jede Stunde in dieser Stadt berauschend. Auch der Nüchternste und der Lebensmüdeste muß vom Licht- und Luftstrom, der hier Erde und Himmel durchdringt, bei einem Gang durch Stadt und Landschaft glücklich gestimmt werden. Die weise Heiterkeit Griechenlands, die zierliche und erdkräftige Schönheit Japans, die ich beide mit Leib und Seele kennenlernte, finde ich hier in Würzburg vereinigt. Es denkt sich leicht, es lacht sich leicht, es arbeitet sich leicht in dieser Stadt. Sie läßt die Liebe leicht entstehen, macht die Liebessehnsucht schwerwiegend und die Liebesinbrunst tief. Sie entzückt, diese Stadt, die im Frühling von einer Geisterwelt üppiger Blumen- und Blütendüfte umgeben ist. Die Stadtanlagen sind voll japanischer Sträucher, die ein Würzburger, der Japanforscher Sieboldt, seiner Heimatstadt gegeben hat. Aber auch ohne diese ausländischen Blüten stehen die Obstblüte, die Rosen- und Fliederblüte Würzburgs der Blütenfülle Japans nicht nach. [...]

Aus Max Dauthendeys Autobiographie Der Geist meines Vaters. Aufzeichnungen aus einem begrabenen Jahrhundert

Die ganze Autobiographie lesen auf gutenberg.spiegel.de …

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2 Antworten auf “ Max Dauthendey über Würzburg ”

  1. Gabor auf 20. September 2010 bei 00:52

    Danke für diesen schönen & wichtigen Beitrag. Der Dichter Dauthendey ist leider zu Unrecht von der lesenden Allgemeinheit vergessen worden.

  2. Elisabeth Dauthendey | Literaturblog Bayern auf 17. Januar 2011 bei 10:32

    [...] jüngste von vier Halbschwestern des Schriftstellers Max Dauthendey wird als Tochter des Photographen Karl Dauthendey am Zarenhof Nikolaus’ I. in Sankt [...]

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