Franz Xaver Kroetz und das neue Volksstück
Versuch einer Abgrenzung: Komödienstadel
„Das Volksstück ist für gewöhnlich krudes und anspruchsloses Theater. [...] Da gibt es derbe Späße, gemischt mit Rührseligkeiten, da ist hanebüchene Moral und billige Sexualität. Die Bösen werden bestraft, und die Guten werden geheiratet, die Fleißigen machen eine Erbschaft, und die Faulen haben das Nachsehen.“ So schrieb Bertolt Brecht 1940 in seinen Anmerkungen zum Volksstück, als er sein Drama Herr Puntila und sein Knecht Matti dem Volksstück zuordnete, um es vor dem überkommenen Dilettantismus bzw. der Routine dieser Gattung umgekehrt zu schützen.
Vor demselben Hintergrund müssen auch die Anfänge des Dramatikers Franz Xaver Kroetz gesehen werden, hatte Kroetz doch 1968 unter dem Pseudonym Franz Landau einen Bauernschwank mit dem vielsagenden Titel Hilfe, ich werde geheiratet! geschrieben – ein „hirnwarmer Blödsinn“, wie der Autor selber einmal aus der Distanz feststellte. In diesem Stück geht es von der ersten Szene an um die Bekehrung eines jungen Hagestolz, der als einziger Erbe eines Bauernhofs in den sicheren Hafen der Ehe geführt wird; die nötige Verwicklung, die komischen Effekte, die Handvoll Erotik und der glückliche Ausgang werden erkauft um billige Spannungselemente (ein verlorener falscher Bart, ein vergessenes Damenhöschen), Situations- und Sprachkomik vornehmlich an den Aktschlüssen, stilisierte Wortsuaden bis zum dumpfen Wortspiel sowie lebensferne Gleichgültigkeit (so werden Abhängigkeit und Unselbständigkeit des Knechts nicht in Frage gestellt).[1] Volkstheater hat hier noch den Wert der Unterhaltung, der derben (‚bloßen‘) Gaudi. Zwischen dem Volk auf der Bühne und dem im Publikum herrscht praktisch kein Unterschied, letzteres lacht nicht über, sondern mit den Schauspielern, und kritische Ansatzpunkte – wie soziale Herkunft, Bildungsstand, Sprachherrschaft und Reflexionsvermögen – werden gar nicht erst thematisch.
Das neue Volksstück: Inhaltliche, formale und mediale Aspekte der Gattung
Mit der Wahl einer ‚niederen‘ sozialen Perspektive, eines eng dargestellten Realitätsausschnittes, und einer völlig anders gearteten Handlungsthematik lässt sich das neue Volksstück inhaltlich grob definieren. Dazu gehört die Beschränkung auf eine Mikro-Welt sowohl hinsichtlich des Handlungsorts als auch hinsichtlich der Personenwahl, oder wie Kroetz sagt: „Ich schreibe nicht über Dinge, die ich verachte. Ich bin für mich sehr interessant.“ (Interview, Theater heute 21 [1980], S. 18)[2] Familie, Dorf, die Welt der Arbeit oder die abgeschlossene Welt eines Obdachlosenasyls geben Einblicke, die von Kritikern als unrepräsentativ zurückgewiesen wurden, die z.T. aber versuchen, die lokalen Sicht- und Handlungsweisen der Figuren in größere Fluchträume zu übertragen, das niederbayerische Dorf eines Martin Sperr z.B. in die ‚Niederungen‘ Landshuts (in den Landshuter Erzählungen) oder die gleichnamige Münchner Freiheit. Man erkennt zudem verschiedene Haltungen des Autors gegenüber seinen Figuren: „einmal ein deutlich sichtbares ‚Mit-Fühlen‘ [...], zum zweiten de[n] Versuch, das Verhalten der Personen möglichst objektiv, mit nahezu dokumentaristischer Akribie zu beschreiben, und schließlich die Verachtung des Autors gegenüber seinen Dramenfiguren.“[3] Beispiele sind die frühen Dramen Kroetz’ vor dem Agitprop-Stück Münchner Kindl (1973) für das Mitleiden, Wolfgang Bauers Magic Afternoon und Rainer Werner Fassbinders Katzelmacher für die naturalistische, kommentarlose Deskription, während Martin Sperrs Shakespeare-Bearbeitungen oder Peter Turrinis Sauschlachten ihre Protagonisten als verlogen und sadistisch-brutal denunzieren.
Das neue Volksstück thematisiert den Zusammenhang von Individuum und Gesellschaft, wobei ersteres nicht mehr agiert, „es reagiert nur noch“.[4] Um es anders auszudrücken: die dramatische Schicksalsfähigkeit der Figuren geht verloren, das Volksstück macht aus seinen Außenseitern, den Randgruppen der Gesellschaft (Gastarbeiter, Behinderte, sexuell Perverse, Strafgefangene, Alte u.a.), keine tragischen Helden mehr; sie verharren ohnmächtig in ihren individuellen Katastrophen. Die Abhängigkeit von der vermittelten Sprache und die mit ihr empfundene Unterdrückung, diese Abhängigkeit nicht ausreichend artikulieren zu können, kann als Hauptthema angesehen werden. Sprachlich und formal betrachtet geht das neue Volksstück den Doppelweg von Dialekt und Soziolekt und zielt auf deren besondere Wirkung: von der Steigerung regionaler Sprache als natürliches Ausdrucksmittel über die von Vorurteilen und Rassismen durchsetzte (‚verdorbene‘) Sprache bis hin zur glatten Sprachunmündigkeit der Protagonisten.
Dabei macht es sich selbst zum kritischen ‚Komplizen‘ einer Mediengesellschaft, die es als manipulativ entlarvt – in einer Zeit, in der das Theater medial kaum in der Lage ist, das „Volk“ zu erreichen, muss das neue Volksstück andere (Massen-)Medien suchen, insbesondere das Fernsehen, aber auch den Film und das Hörspiel. So gibt es neben Originalarbeiten für die neuen Medien eine Menge an Volksstück-Adaptionen durch Film und Fernsehen (z.B. Fassbinders Katzelmacher oder Wildwechsel) und umgekehrt Originalarbeiten, die als Bühnenstücke umgearbeitet werden. Das hat nicht zuletzt Einfluss auf die Werkfolge sowie auf die Stücke selbst. So neigen die neuen Volksstücke oft dazu, als Teil einer Serie verstanden zu werden (Beispiele: Sperrs Bayrische Trilogie oder die Trilogien Münchner Leben und Heimwärts von Kroetz). In der Struktur finden sich Anlehnungen an Film und Fernsehen, sei es in Form von lockeren Bild- und Szenenmontagen oder kurzweiligen Rezeptionsbedingungen in der Länge eines Spielfilms.
Literatur:
- Bügner, Torsten: Annäherungen an die Wirklichkeit. Gattung und Autoren des neuen Volksstücks. Frankfurt/M. 1986.
- Carl, Rolf-Peter: Franz Xaver Kroetz. München 1978.
- Kormann, Eva: „Der täppische Prankenschlag eines einzelgängerischen Urviechs…“ Das neue kritische Volksstück – Struktur und Wirkung. Tübingen 1990.
- Míšová, Jitka: Das sozialkritische Volksstück in der Dramatik der BRD am Beispiel von Franz Xaver Kroetz. Prag 1990.
- Schmitz, Thomas: Das Volksstück. Stuttgart 1990.
- Töteberg, Michael: Ein konservativer Autor. Familie, Kind, Technikfeindlichkeit, Heimat: traditionsgebundene Werte in den Dramen des Franz Xaver Kroetz. In: Franz Xaver Kroetz. Hg. von Otto Riewoldt. Frankfurt/M. 1985, S. 284-296.
[1] Vgl. Rolf-Peter Carl: Franz Xaver Kroetz. München 1978, S. 19ff.
[2] Vgl. dazu Michael Töteberg: Ein konservativer Autor. Familie, Kind, Technikfeindlichkeit, Heimat: traditionsgebundene Werte in den Dramen des Franz Xaver Kroetz. In: Franz Xaver Kroetz. Hg. von Otto Riewoldt. Frankfurt/M. 1985, S. 284-296.
[3] Torsten Bügner: Annäherungen an die Wirklichkeit. Gattung und Autoren des neuen Volksstücks. Frankfurt/M. 1986, S. 25.
[4] Ebda., S. 27.
